Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Drama Ablatio Retinae - dritter Akt


Dienstag:
Wie vereinbart finden wir uns um 7.30 früh in der Klinik ein. Der Doktor kommt kurz darauf. Ein Blick in mein Auge - blankes Entsetzen in seinem Gesicht: „You have an infection in your eye! We cannot operate!“ In der Tat hat das Auge in der Nacht ziemlich weh getan und ist am Morgen dunkel rot. Gleichzeitig ist aber der dunkle Fleck deutlich größer geworden, es wird immer dringender, dass operiert wird wenn ich mein Auge erhalten will. Entsprechend deutlich reagiere ich, was dem Arzt echt peinlich ist. Eine Ärztekonferenz wird zusammengerufen, der Direktor kommt persönlich. Er ist der erste Arzt, der wenigstens nach der Untersuchung seine Hände mit dem bereitstehenden Sterilium säubert. Es könnte auch nur eine Bindehautentzündung sein, oder eine Allergie auf die Spritze gestern, so meint er die Wogen glätten zu müssen. Warten wir bis heute Nachmittag. Erleichtert und etwas peinlich lächelt oder lacht die versammelte Ärzteschar. Ich verliere die Geduld (und aus vietnamesischer Sicht wohl mein Gesicht). Ein Bett in der VIP-Station soll mich beruhigen. „Just calm down please.“
Schon während der Wartezeiten haben wir eine hektische Telefonaktivität gestartet. Die Kolleginnen vom GIZ Büro haben in Deutschland angerufen, haben ärztliche Meinungen eingeholt, dass Fliegen doch nicht so gefährlich sein soll, haben auch festgestellt, dass es erst am Donnerstag einen Nonstop-Flug gibt. Das ist aber das Einzige, was ich meinem Auge zumuten will. Der Rückholdienst unserer Krankenversicherung meldet sich, stellt aber die Tätigkeit ein als ich erwähne, dass die Kasse mein Auge nicht versichert hat. Ich bin also in jeder Hinsicht Selbstzahler.
Am Nachmittag nochmals Treffen mit dem Arzt. Er berichtet, dass auch unsere Hochschule sich intensiv per Telefon eingeschaltet hat. Ich hatte ja auch den Dean angerufen. Trotz alledem bleibt er dabei: Nach seiner Meinung liegt eine Krankenhausinfektion vor, die ihm jegliche Operationstätigkeit unmöglich macht. Ich soll so schnell wie möglich nach Deutschland fliegen, meint er. Das sei weniger gefährlich für mein Auge als eine Operation in seinem Krankenhaus.
Bis heute wissen wir nicht, was genau los war. War es wirklich eine Infektion, war er traurig und unzufrieden, mich nicht operieren zu können? Oder war es eine vorgetäuschte Infektion, weil er Angst hatte, mich an meinem einzigen Auge mit einer Komplikation operieren zu müssen? Wir werden es nie erfahren.
Jedenfalls fahren wir in höchster Unruhe und mit stärksten Antibiotika versehen heim und fangen an zu telefonieren. Leider ist in Deutschland Feiertag (Allerheiligen?) und manche Ärzte sind nicht zu erreichen. Aber der Medizinische Dienst der GIZ und mein Augenarzt in Groß Pankow bei Stendal machen mir Mut: In dieser Lage sei ein Flug zu verantworten, nach Singapur, Bangkok aber auch nach Deutschland.
Wir reservieren einen Flug nach Frankfurt für mich Donnerstag Abend.
Und ich liege eisern auf der linken Seite. Der schwarze Fleck entwickelt sich nur sehr langsam.

Mittwoch:
Elena düst mit Günter in die Stadt zu Geld und Ticket holen. Das GIZ Büro hatte es organisiert.
Und als es auch in Deutschland Tag geworden ist, läuft unser Telefon wieder heiß. Mein Professor in München beruhigt mich weiter: “Machens Eana koan Kopf mit dem Flieagn! Des is a Schmarrn! Schaugns dass her kemma!“ Klare Worte, die gut tun. Und wohin? „Da tät für mi bloss der Kirchhoff in Köln in Frage kemma. Soll I glei anrufen und sogn dass Sie kemma?“ Ja bitte, er soll. Köln ist auch logistisch gut: Mein Sohn Mischa wohnt dort, ganz in der Nähe der Klinik, er kann mich auch am Flughafen in Frankfurt abholen, und der ICE braucht nur eine Stunde.
Wir haben wieder einen Plan!
Und ich liege eisern weiter auf der Seite.

Donnerstag:
Wir haben noch die Idee gehabt, dass wir mich als medizinischen Notfall bei der Fluggesellschaft anmelden. Dann bekomme ich vielleicht einen Platz wo ich liegen kann. „Wheelchair Service“ heißt das bei denen. Der GIZ Fahrer Kim bringt uns diese Bestätigung nach Hause.
Ansonsten packt mir Elena den Koffer und organisiert das Taxi zum Flughafen. Sie wird noch einige Tage in Hanoi bleiben, um den Haushalt mit Kater BaoTsi für eine längere Abwesenheit vorzubereiten.
Ich liege.
Und ich bin dankbar für die Anrufe so vieler Freunde und Verwandter, die an mich denken.
Dann geht es los zum Flughafen. Elena begleitet mich im Taxi. Die Mädels beim Einchecken von Vietnam Airlines sind etwas verunsichert: Ich komme zu Fuß daher und will doch den Wheelchair Service? Aber es kommt ein netter junger Mann, der perfekt Deutsch spricht. Ihm erklären wir, dass ich vor allem liegen will, und außerdem mit verbundenen Augen reisen muss. Er reserviert mir in der letzten Reihe drei Plätze nebeneinander, führt mich persönlich durch die Kontrollen und ins Flugzeug. Ich habe tatsächlich drei Plätze und kann den gesamten Flug im Liegen verbringen. Als ich zum Essen kurz entschlossen meinen Augenverband hoch klappe, sind die Stewardessen etwas verwundert – aber so müssen sie mich wenigstens nicht füttern!

Freitag:
Der Flieger ist fast eine Stunde zu früh in Frankfurt. Aber alles klappt bestens: Mit Rollstuhl werde ich abgeholt, Mischa steht abholbereit am Ausgang. Und das Wichtigste: Das Auge hat offensichtlich keinen Schaden genommen. Ein vorsichtiger Kontrollblick sagt mir, dass der schwarze Fleck noch immer im Augenwinkel ist, etwas vergrößert aber noch weit von der Mitte entfernt. Die Macula, das Sehzentrum, ist also unversehrt geblieben. Ein Gebirge von Sorgen rumpelt von der Seele.
Gegen 8.30 erreichen wir die Universitätsaugenklinik in Köln, die ersten Untersuchungen beginnen bald. Erstaunlicherweise funktioniert in Deutschland sogar das Atropin. Als ich meine Leidensgeschichte, mit der angeblichen Infektion usw., berichte, ernte ich kaum Verständnis – in der Tat ist die Rötung verschwunden.
Gegen 11.00 begutachtet mich Professor Kirchhoff persönlich, schlägt die ambulante Operation vor. Eine Stunde später liege ich auf dem OP-Tisch, in einer knappen Stunde näht er seine „Cerclage“ um den Augapfel (der dadurch etwas zur „Augenbirne“ verformt wird), und um 15.00 wandere ich, an der Schulter meines Sohnes geführt, durch Köln-Lindenthal. Die Erleichterung, mit der ich in der WG-Wohnung ins Bett falle, ist unbeschreiblich.
Und mir fällt erst später auf, dass man in Deutschland völlig auf Antibiotika verzichtet. Vietnam ist weit weg.

Sonntag, 27. November 2011

Drama Ablatio Retinae - zweiter Akt


Da passiert wieder etwas im Auge!
Dies Gefühl stellt sich gute 3 Wochen nach der ersten Operation ein. Ein Anruf bei „meinem“ Doktor (natürlich ist wieder Wochenende), am Montag früh soll ich kommen.
Es folgt wieder die bekannte Prozedur. Das Ultraschallbild zeigt eine kleine Ablatio, im Augenwinkelm sehe ich sie auch schon deutlich. Aber der Doktor will erst mal die Iris weit bekommen um sich die Sache zu besehen. Und mein Auge reagiert nicht auf seine Atropin Tropfen, die Iris bleibt eng. Nach einigen Stunden wird zu heftigeren Mitteln gegriffen, eine Spritze soll wirken. Mir wird ein Bett auf der Station gegeben, in 2 Stunden (nach dem Mittagessen) wird dann wird wieder geschaut.
Am Nachmittag, als endlich der Blick in mein (inzwischen stark gerötetes) Auge möglich ist, wird erklärt: “Ja eine kleine Ablatio, nicht gefährlich, morgen operieren wir“. Ich reagiere entsetzt. Das ist doch ein Notfall! Muss sofort operiert werden! Es sollte doch auch heute operiert werden! „Ganz klar, aber jetzt ist Nachmittag,und nachmittags können wir nicht mehr administrativ aufnehmen, und ohne Aufnahme darf ich nicht operieren. Strenge Anweisung vom Chef! Kommen Sie morgen früh, dann fangen wir gleich an“.
Die Gemütsruhe, in der wir nach Hause fahren, tendiert gegen Null. Die Laune wird noch gesteigert durch den Taxifahrer, der mit meinem Handy davon fährt, als wir merken, dass es mir bei ihm aus der Tasche gefallen ist.
Keiner der guten Tage in Hanoi.

Sonntag, 20. November 2011

Drama Ablatio Retinae - erster Akt


Der kleine schwarze Fleck im Augenwinkel wurde langsam grösser – Netzhautablösung war die Diagnose, die mir im Vietnamesisch-Russischen Augenkrankenhaus schnell bestätigt wurde. “Das bedeutet sofortige Operation, klare Notfallindikation” bestätigte der Oberarzt der Erlanger Augenklinik, den ich anrief. Ebenso klar aber erteilte er ein Flugverbot “wenn Ihnen Ihr Augenlicht etwas wert ist”.
So wurde ein Hilferuf an die Leitung meiner Hochschule gestartet, und binnen weniger Stunden hatte ich den Leitenden Arzt für Retinaoperationen des “Central Eze Institute” am Handy. Er kam grade aus HCMC zurück, es war Freitag Abend. “Ja, klar, sowas muss sofort operiert werden. Ja, wir im Zentralen Augenkrankenhaus machen das sehr gerne, als Einzige in Nordvietnam, kommen Sie am Montag um 8.00”. So also die vietnamesische Interpretation von Notfall. Alle seine Ärzte seien noch bei einem Kongress in HCMC, und überhaupt, OP am Wochenende, das sei ja nun wirklich nicht drin. Ich solle halt ruhig liegen, dann werde es schon nicht schlimmer werden. 
Ich lag wie ein Stein.
Am Montag dann die übliche Routine, Atropin zur Irisweitung, Untersuchungen, Ultraschall, allgemeiner Status, meist im Eilverfahren an den vielen wartenden Vietnamesen vorbei. Gegen Mittag bekam ich mein Bett in einem Vierbettzimmer, zunächst alleine, dann wurde noch ein Bett belegt: Eine ältere vietnamesische Dame, die Tochter legte sich dann gleich zur Siesta mit in ihr Bett. Die Hochschule hatte Ngoc geschickt, eine unserer Lehrassistentinnen, sie sollte uns bei allen Formalitäten helfen, ging auch mit Elena zur Kantine zum Essen holen. Vorher hatte sie meine Urinprobe im offenen Reagenzglas ins Labor bringen dürfen. Dafür braucht man eben einfach Angehörige. Ob sie auch die üblichen "Umschläge" an Arzt und Schwestern verteilte, kann ich nicht sagen.
Auch ich sollte laut Operateur kräftig essen, “damit ich Kraft habe für die Operation”, die werde ja nur unter lokaler Betäubung durchgeführt.
Dann begleiteten mich meine beiden Angehörigen Elena und Ngoc zum OP-Trakt, mit mir etwa 15 vietnamesische Patienten/innen, meist mit schwarzem Punkt auf der Stirn über dem zur OP vorgesehenen Auge. Umkleiden in den blauen Einwegkittel über meine Strassenkleidung, Haube auf den Kopf, viel zu kleine Plastiklatschen störten nicht, für die fünf Schritte. Der Operateur begrüsste mich in “meinem OP-Saal” per Handschlag über den Tisch hinweg. “Make yourself comfortable...”
Die OP soll nun nicht im Detail beschrieben werden, obwohl ich sie, nur lokal betäubt, wirklich hautnah miterleben durfte. Ich erlebte auch, dass mein Operateur immer weider per Handy angerufen wurde und längere Gespräche führte. Den dabei ungenutzten Trokar in meinem Auge konnte ich derweil intensiv bertrachten. Ob dadurch die OP-Dauer, auf 45 Minuten angesetzt, auf mehr als das doppelte ausgedehnt wurde? Natürlich war ich gereizt ob dieses Verhaltens, natürlich habe ich mich nicht beschwert (irgendwie fühlt man sich etwas am kürzeren Ende des Hebels, wenn man so auf dem Tisch liegt...)
Wie auch immer: Die OP verlief ohne Probleme, es schloss sich eine relativ schmerzhafte Nacht an (die Lampen hatten durch die lange OP-Dauer der Hornhaut wohl einen “Sonnenbrand” verpasst), am Nachmittag kam dann unser “Vice-Dean” und teilte uns mit: ”I have just phoned the doctor, you are going home now.” Meine Meinung dazu war nicht wirklich gefragt. Er brachte noch Rezepte für eine umfassende lokale und systemische Antibiotika-Behandlung, und keine halbe Stunde später waren wir wieder daheim. Der Dienstwagen der Hochschule hatte uns fast bis zu Haustür gebracht.

Freitag, 30. September 2011

Noch ein Beitrag aus der Presse ...

Verschiedene vietnamesische Medien berichteten kürzlich über einen der Vizeminister des Gesundheitsministeriums:
Der gute Mann hat anscheinend zwei Probleme. Erstens hat er die Bescheinigung der Universität Uppsala, dass er als Promotionsstudent zugelassen sei, als Promotionszeugnis ausgegeben und auch sein ganzes berufliches Leben der "Dr." geführt. Das ist doch deutlich einfacher als die Guttenberg-Promotion.
Zweitens hat er als Zuständiger für die Überwachung des Pharmasektors von dem Besitzer eines Pharmakonzerns ein für vietnamesische Verhältnisse riesiges Darlehen bekommen. Unklar ist nur, ob es gefordert oder "freiwillig gegeben wurde". Unklar ist weiter, ob es stimmt, dass er bei Fälligkeit, statt zurück zu zahlen, eine Kontrolle der Firma angeordnet hat.
Karneval in Vietnam - oder: Hanoi wie es singt und lacht...

Vor dem Klo und nach dem Essen Hände waschen nicht vergessen!

Vor wenigen Tagen wurde in der offiziellen Presse (in einem Land in dem die Zensur nicht unbekannt ist) ueber die Hygiene in Krankenhäusern berichtet:
Kurz gesagt: Im Bach Mai Hospital, was eine der grössten und bekanntesten Kliniken in Hanoi ist, waschen sich nur 2,6% des Personals anständig die Hände!
Und eine Befragung von Klinikmitarbeitern ergab, dass über 50% die gestellten Fragen zur richtigen Krankenhaushygiene nicht ausreichend beantworten konnten.
Dies beleuchtet auch, warum in einem kürzlich durchgeführten Workshop, bei dem Klinikmitarbeiter Vorschläge machen sollten, welche kleinen Projekte zur Qualitätsverbesserung sie vorschlagen würden, mehr als die Hälfte sich für Projekte zur Verbesserung des Händewaschens stark machte. Es wurde freimütig diskutiert, dass die "compliance", also die Disziplin der Mitarbeiter ebenso zu wünschen übrig lasse wie die "awareness", also die Erkenntnis der Notwendigkeit. Als Massnahme wurde unter anderem vorgeschlagen, Video-Kameras in die Waschräume zu hängen, was allerdings daran scheitern sollte, dass dies oft auch die WCs seien, und dort sei eine Videoäberwachung ja wohl doch fragwürdig. Ein anderer Kollege schlug vor, unangekündigte Abklatschkontrollen der Hände bei Chirurgen zu machen und bakterielle Kontamination hart zu bestrafen. Auch dies erwies sich aber als kaum umsetzbar, weil die Krankenhäuser unterhalb der obersten Versorgungsstufe nicht über die bakteriologischen Labors verfügen, um solche Tests durchzuführen. Klartext: In den meisten Krankenhäusern gibt es gar keine Möglichkeit, den bakteriologischen Status von OPs und Intensivstationen zu überwachen!
Da möchte man nicht behandelt werden ...

Donnerstag, 29. September 2011

Singapore revisited

Unser zweiter Besuch in Singapur liegt etwa 2 Wochen zurück, eine kleine Nachbereitung:

Die Stadt ist weiterhin im Business District eine Art asiatisches Manhattan. An der Marina Bay steht ein neues Wahrzeichen, das Marina Bay Sands mit meheren Hotels und einer darüber schwebenden mehrere hundert Meter langen Terrasse plus riesigem Swimmingpool in 56. Stock. Wir waren am Abend oben, um den atemberaubenden Blick zu genießen.
Untergebracht waren wir diesmal direkt im arabischen Viertel, neben der großen Sultan Moschee. Die 5000 Gläubigen, die da rein gehen sollen, haben wir nicht erlebt, aber es war doch überraschend, dass es auch für Elena kein Problem war, die Halle zu betreten - sogar ohne Kopftuch. An die Moschee schließt sich ein nettes arabisches Viertel an mit vielen kleinen arabischen Strassenkneipen. In manchen bekam man sogar ein Bier zu trinken!

Dann waren wir natürlich wieder in der China Town. Hier war das größte Erlebnis der Besuch des Tempels von der Reliquie des heiligen Zahnes des Buddha. Hier fand gerade eine große Festzeremonie statt. Zwei Reihen Mönche sangen die sprechgesangsartigen Gesänge, begleitet von der vielköpfigen Gemeinde. Unendliche Mengen bunter Lampen waren aufgehängt, in langer Reihe kamen die Gläubigen um kleine Opfertellerchen auf einer langen Tafel in der Mitte abzulegen. In dem kleinen Tempel auf dem Dach konnte man eine riesige Gebetstrommel bewundern, in der Gebetshalle darunter die kleine Stupa aus reinem Gold, in der angeblich der Zahn des Buddha aufbewahrt wird. (Es wird berichtet, dass Buddha 33 Zähne hatte. Ob der hier aufbewahrte allerdings einer davon ist, ist umstritten. Immerhin ist er 7,5 cm lang!!)
Die Welt der dritten großen Volksgruppe haben wir dann noch in Little India besucht. Im Innenhof des Kleiderbasars konnte man sich wirklich mitten in Indien wähnen. Ohne Shopping kam man da nicht mehr raus.
Ein besonderer Besuch galt dem wunderschönen Botanischen Garten mit dem "National Orchid Garden", angeblich dem größten Orchideengarten der Welt. Ob es stimmt oder nicht: es wird schwer fallen, wo anders so viele wunderbare Blumen an einem Ort zu finden.
Der Grund der Reise war aber die Teilnahme an der Hospital Management Asia Konferenz, mit weit über 1000 Teilnehmern aus der gesamten asiatischen Welt, Indien, Bangladesh, Thailand, Malaysia, Indonesien, Philipinen, Vietnam, China, Taiwan, Hongkong waren die Länder, die besonders häufig auf den Namensschildern standen. Die Kongresshalle auf dem Recreation Island vor der Stadt war tief unter der Erde und so eisgekühlt von den Klimaanlagen, dass man es nur mit Anorak aushalten konnte. Die Vorträge waren so wie immer auf solchen Konferenzen, manche gut, manche schlecht. Interessant war eine Podiumsdiskussion zu der Frage, ob es in 10 Jahren überhaupt noch Krankenhäuser geben wird. Die Meinung, echte längere stationäre Versorgung werde bis dahin obsolet sein, wurde ernsthaft vertreten - jedenfalls für die arme Normalbevölkerung. Die Reichen würden aber sicher weiter gut und teuer mit Medical Wellness versorgt werden.
Vor allem von dieser Veranstaltung habe ich ein merkürdiges Gefühl mitgenommen: Diese Vertreter der asiatischen Eliten schienen innerlich fest überzeugt, dass Asien das kommende Zentrum der Welt ist. Das alte Europa ebenso wie das wirtschatlich schwächelnde Amerika, das sind vergehende und vergangene Welten. Ebenso wird auch etwa Afrika negiert und man geht einfach davon aus: Die Zukunft findet in Asien statt, der Rest der Welt wird Randfigur. 

Dieser fast schon an Hybris grenzende Stolz auf die eigene Entwicklung kommt leider daher auf einem sehr ausgeprägten Merkantilismus: Alles was Geld bringt, ist gut, alles was gut ist, muss Geld bringen. Speziell für den Bereich Gesundheit zeigt sich das Manko dieser schönen neuen Welt besonders deutlich. Auch das, was das Abendland unter Ethik versteht, was ja weitgehend auf der christlichen Nächstenliebe aufbaut, droht hier auf dem Abfallhaufen der Geschichte zu landen. Ist es wirklich so, dass Nächstenliebe dem Buddhismus, dem Hinduismus ebenso wie dem Islam fremd ist? Wenn man hier lebt, wenn man diese Menschen erlebt, in ihrem völlig unverkrampften permanenten Gewinnstreben, könnte man es fast glauben. Wenn dieser Sozialdarwinismus zur Ethik der Zukunft werden soll, dann bin ich nicht sicher, ob diese neue Welt so schön sein wird.

Mittwoch, 21. September 2011

E-Medizin in Singapur

Neulich waren wir ja wieder in Singapur.
Darüber wäre viel zu berichten: Teilnahme an der "Hospital Management Asia" Konferenz, Besuche im arabischen Viertel, der Botanische Garten mit dem wunderbaren Orchideengarten, das Marina Bay Sands ...
Von Letzterem wenigstens ein Foto, wir waren am Abend da oben, aber nicht im Schwimmbad..

Dann waren wir auch in einer Drogerie mt integrierter Apotheke. Leider war die Apotheke nicht besetzt. Sonntag nachittag halt.
"Ich hatte gerne für meine Frau ....". Das Gewünschte gäbe es leider nur auf Rezept, sagte die Verkäuferin. Wir seien schließlich in Singapur und nicht in Hanoi. Aber das sei kein Problem.

Ich musste meinen Pass vorlegen, die Angaben wurden in ein Heft eingetragen. Dann wurde der diensthabende Apotheker angerufen und die Web-Kamera, die auf der Kasse saß, auf mich gerichtet. Ich erläuterte unser Begehr, beantwortete die Fragen nach Syptomen und Vorgeschichte, verneinte Unverträglichkeiten, zeigte auch noch meine Frau vor der Kamera, dann meinte er "That's OK". Ich reichte das Telefon an die Verkäuferin zurück, mit der Kamera ging sie zum Regal, holte auf Anweisung des Fern-Apothekers das richtige Medikament raus, schrieb die Gebrauchsanweisung. Verpackung, Zahlung, fertig.

So einfach kann das Leben sein...


HIC

Nein! Nicht das lateinische "Hier" ist gemeint, auch nicht die akustische Quittung übermäßigen Alkoholgenusses. Vom Hanoi International Choir soll nochmals die Rede sein, in dem wir ja seit Herbst 2009 dabei sind.

Anlass ist die große Aufführung des Requiems von Verdi in der Hanoier Oper am 15. und 16. September 2011. 


Eigentlich hatten wir dieses Werk schon vor etwa einem Jahr unter der Leitung unseres Graham Sutcliffe aufgeführt, mit tollen Solisten aus Großbritannien (Auszug auf YouTube).  Aber der Chef des Vietnam National Symphony Orchestra, Honna Tetsuji, hatte sich wohl vorgenommen, diese Aufführung zu überbieten, und wieder waren wir, der HIC, eingeladen zur Mitwirkung. Da für Verdi ein großer Chor wichtig ist, waren insgesamt drei Chöre beteiligt: Der vielköpfige Chor der Lehrer-Musikhochschule (viele junge Leute, manchmal mit ganz tollen Stimmen) und ein kleiner japanischer Chor (der sich witzigerweise "Freude-Choir" nannte), und eben wir.

Die Vorbereitung und die Aufführung war so ein kulturell besonders farbiges Erlebnis. Graham hatte alle Chöre einstudiert, auf seine routinierte Art wenn auch ziemlich zügig weil "wir das ja schon kannten". Trotzdem merkte man, dass ihm dieses Werk, eine "Oper für die Kirche anläßlich einer Trauerfeier", viel bedeutete. Die Texte und die Gedanken, Gefühle, die der Komponist mit einem "Dies Irae" oder einem "Solvet", mit "Lacrimosa", "Agnus dei" und eben "Requiem" ausdrücken wollte sagten ihm etwas und er versuchte, uns buntem Völkchen diese gedanken nahe zu bringen damit wir ihnen den richtigen Ausdruck verleihen konnten. Für uns Internationals war dies ja auch keine wirklich fremde Gedankenwelt, kommen wir doch aus Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und USA. Deutlich weiter entfernt war dies aber unseren asiatischen Mitsängern aus Vietnam und Japan. Für sie stand nach meinem gefühl einfach das Kunstwerk im Vordergrund - die zutiefst christliche Fundierung sagt ihnen halt auch nichts.

Ähnlich erlebte ich Honna in den final rehearsals und der Aufführung, ähnlich auch die Solisten - bis auf unsere norwegische Mezzosopranistin bei der man sofort spürte, dass sie wußte was sie sang. Aber es ist natürlich ein durchaus legitimes Verständnis, ein Werk der musikalischen Weltliteatur auch als solches zu verstehen, in Szene zu setzen und dar zu bieten. Durch die vorher ausgesprochene Widmung an die Opfer der Naturkatastrophe in Japan und des Terroranschlags in Oslo wurde doch versucht, die ernste Fundierung einzubringen. Über diese Aufführung gibt es ein recht schönes  Video: Hier kommen auch die beiden Dirigenten und die Solisten zur Sprache. (Das Video ist lang, aber es lohnt sich!)

Die Vietnamesische Solistin ist übrigens gleichzeitig in der Carmen-Inszenierung, an der auch der HIC beteiligt ist (wir allerdings haben uns ausgeklinkt) als die Micaela beteiligt. Auch hiervon bietet YouTube einen Ausschnitt: .

Honna ist für uns ja kein Unbekannter: Aus Anlass der Hanoi-1000-Jahre-Feier hatten wir das nicht reine Vergnügen gehabt, mit ihm Mahlers 8. Symphonie aufzuführen (ich habe darüber schon berichtet). Auch hier sei ein YouTube Ausschnitt beigefügt. War er uns damals als besonders zügiger Dirigent aufgefallen (manche meinten, ihm ginge es um neue Geschwindigkeitsrekorde) so zeigte er sich jetzt vielseitiger: Einige Passagen empfand ich fast unerträglich langsam, bei anderen dann lief er wieder zu seiner alten Hochform auf.

Noch ein paar Worte zu Graham: Wie sein öffentliches Profil ausweist, kommt er aus GB, hat dort und in München studiert (Englisch, Deutsch, Musik), in den 70er und 80er Jahren sogar in der Nähe von München als Lehrer gearbeitet bevor es ihn nach Südostasien verschlug. Seit 2000 leitet er den HIC und das VNOB (Vietnam National Opera and Ballet) und hat sich so die Möglichkeit geschaffen, den kleinen professionellen Opernchor durch den bis zu 120 Stimmen starken HIC zu erweitern. Den meist sehr wenig professionellen Mitgliedern des HIC bieten sich so die einzigartige Chancen, an großen Aufführungen teilzunehmen und in der schönen Hanoier Oper zu singen. Wir genießen es sehr.

Vor einigen Monaten waren wir so an der Inszenierung konzertanter La Traviata Teile beteiligt, auch hiervon gibt es zwei Auszüge bei YouTube: Brindisi  und Lied der Matadores.

Wer alle diese Videos genau anschaut, wird uns bei Verdi und Mahler auch entdecken (meist rechts oben im Bild). Bei Carmen sind wir nicht dabei, bei La Traviata war ich ohne meine Frau, die zu der Zeit in Russland war.

Wie geht es weiter? Nun zunächst kommt die 9. von Beethoven, dann unser Weihnachtskonzert. Und dann schaun wir mal. Honna meinte ja, er würde gerne die Carmina Burana machen. Da sind wir gerne dabei, haben wir doch auch da die wichtigsten Chöre schon in der Oper gesungen...

Dienstag, 23. August 2011

Alte Dame gerettet!

Es geht ihr wieder gut – den Sachsen sei Dank!

Es war bereits von ihr die Rede, der legendären Hoan Kiem Schildkröte, um deren Lebensraum im Herzen der Altstadt von Hanoi es immer schlechter bestellt war, der es auch gesundheitlich immer schlechter ging. Das zum Abwasser verkommene Gewässer und die dort eingewanderten amerikanischen Schildkröten hatten ihr das Leben schwer gemacht, sie war an mehreren Stellen verwundet und geschwächt.

Bei einem Empfang in der Deutschen Botschaft am 28. März (ich war dabei!) wurde dann die Rettung verkündet: Der sächsische Ministerpräsident Tillich schloss mit der vietnamesischen Regierung einen weiteren Vertrag ab, dass im seit 2005 laufenden BMBF Projekt unter Leitung von Prof. Werner von der TU Dresden eine umfassende Wassersanierung des Hoam Kiem zur Rettung der Schildkröte durchgeführt werden sollte. Die TU Dresden und die Presse in Sachsen berichteten begeistert.

Weltweit wurde dann berichtet, als man versuchte die Schildkröte zu fangen und als es am 5. April schließlich gelang. 
Das etwa 160 cm lange Tier (früher war von über 2 Metern berichtet worden) wurde auf eine kleine künstliche Insel mitten im See verbracht, wo sie in einem kleinen Becken in sauberem Wasser gehalten, untersucht, behandelt und gepflegt wurde (the turtle clinic!). Als man sie von diversen Pilzerkrankungen befreit hatte, war das natürlich wieder eine Meldung wert. In einer Chronik des "Asian Turtle Program" kann man alles genau nachlesen, dabei lernt man auch, dass es sich tatsächlich um eine bisher nicht bekannte Unterart handelt, von der es weltweit wirklich nur 4 Exemplare gibt und dass es eine Schildkrötendame ist.

Im Juli war es dann so weit. Prof. Werner hatte soweit erfolgreich gearbeitet, dass die Experten der Meinung waren, die “Cụ Rùa” dürfe wieder frei gelassen werden. Ihre Wunden waren geheilt, giftiger Schlamm und aller mögliche Unrat aus dem See entfernt worden. Meldungen gingen in alle Welt.

Während der gesamten Aktion aber hielten sich die Gerüchte, dass dies ja nur die kleinere von zwei Exemplaren sei. Die große und alte wirkliche “Cụ Rùa vom Hồ Gươm” habe sich der Gefangennahme ebenso wie der Behandlung entzogen.

Prof. Werner hat sie wohl bei der "sanften Schlammabsaugung" nicht gesehen. Aber genützt wird sie ihr trotzdem haben, wenn es sie wirklich gibt, die “Große Alte”.

Montag, 8. August 2011

Schaumparty am Pool - oder hemmungsloser Gruppensex

Von den Fröschen in unserem Garten war ja bereits die Rede. Jede Nacht veranstalten sie einen Krach, dass man an Schlafen kaum denken kann. Manche Gäste vermuten, Hunde würden da so merkwürdige Bell-Geräusche machen.
Am nächsten Morgen sieht man dann wieder diese merkwürdigen Schaumbälle im Laub hängen, in bis zu 5 Metern Höhe und ganz am Ende der Palmwedel unserer den Pool umrahmenden Palmen.
Neulich wurde uns beim abendlichen Schwimmen dann wieder die Herstellung eines solchen Balles vorgeführt. Nicht auf die Palme waren sie geklettert, sondern das Geländer der Pooltreppe war die ausgewählte Stelle. "Sie"? Zwei große Frauen und ein kleiner Mann:
Das arme kleine Männchen soll gleich noch die Eier von 2 Frauen befruchten!
Ich habe mich inzwischen etwas gebildet über diese Amphibien, von denen es in Vietnam viele verschiedene Arten geben soll. Neulich hat man eine neue Art im Urwald entdeckt, die kann fliegen und schon die Kaulquappen haben Vampirzähne! Andere tun sich tatsächlich für diese Befruchtungsaktion zu größeren Gruppen zusammen...
Wenn also diese Flugfroschfrau ihr Eiergelege oben in der Palme abgelegt hat, dann macht sie einfach den Abflug, statt mühselig wieder runter zu klettern. Ausgeprägte Schwimmhäute zwischen den Zehen helfen beim Segelfug. Und was wird mit dem Männchen? Huckepackflug?
Die ganze Gattung nennt sich offensichtlich Rhacophoridae, auf Deutsch werden sie Ruderfrösche genannt, Englisch tree frogs. Mehr Infos gibts praktischerweise bei Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Rhacophoridae. Hier lernt man auch, was die Gelege in den Bäumen für einen Sinn haben: Die Eier werden dort oben von der warmen Tropenluft ausgebrütet, dann lassen sich die jungen Kaulquappen vom nächsten Regenguss in das hoffentlich unten bereitstehende Gewässer schwemmen.
Hallo?! Dieses Gewässer ist unser Pool!
Und in der Tat, es gibt schon immer wieder ganz winzige kleine schwarze Kaulquappen, die wir dann ganz böse mit dem Sieb ins Gras befördern.
Unsere Gartenspezies ist leider deutlich weniger spektakulär als die vielen bunten Arten, die es da so gibt. Und sie gehören wohl auch nicht zu den Vampirfröschen.
Dieser zeigt, wie er einfach an der Wand hochgehen kann ...

Erstaunlich ist vor allem, dass sie hier mitten in der Stadt überleben. Wo es hier fast an jeder Ecke Froschschenkel im Restaurant gibt.

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Donnerstag, 7. Juli 2011

Das Jubiläum

10 Jahre Hanoi School of Public Health! Ein würdiger Anlass, die Feierlichkeiten wurden lange vorbereitet und sollten dann Ende April stattfinden.
Dabei ist die Schule genau genommen schon deutlich älter. Bereits 1990 wurde in Zusammenarbeit der drei akademischen Institutionen School of Health Management, Department of Hygiene and Epidemiology of Hanoi Medical University and the Center of Human Resources in Health an der School of Health Management (SHM) ein Department of Public Health durch das Gesundheitsministerium (MOH) geschaffen, 1996 wurde die SHM Mitglied der Asian Pacific Association of Public Health Colleges (APAPHC).
Das Jubliäum bezog sich auf die Anerkennung als selbstständige Universität, die ihre eigenen akademischen Studiengänge anbietet (Bachelor und Master in Public Health, Master in Hospital Management, PhD-Programme in Public Health). Die Geschichte als Universität ist also 10 Jahre alt.
Der erste Kontakt mit den Vorbereitungen für mich war die Ankündigung, unsere Abteilung solle für das HSPH-Video gefilmt werden. Dank Vorwarnung war ich etwas formeller gekleidet als sonst, dann wurde eine wunderbare Abteilungssitzung auf Englisch abgehalten. Was davon dann in den Film gekommen ist, weiss ich nicht. Ich habe ihn nicht nicht zu sehen bekommen
Gefeiert wurde mehrfach.
Zur Einstimmung gab es einen “Sports Day”, bei dem verschiedene Mannschaften gebildet wurden um gegeneinander in den Disziplinen Tauziehen und Volleyball anzutreten. Eine Riesengaudi. Die lieben Kolleginnen und Kollegen kamen tatsächlich in Sportkluft.
Ich wurde der Mannschaft “Faculty” der Environmental Medicine zugeschlagen. Aufgrund von Körpergrösse und Gewicht meiner Wenigkeit wurde unsere Mannschaft natürlich favorisiert.
Wir haben auch wirklich heftig gezogen. Es zeigte sich aber, dass besonders unter den Studenten doch auch einige dabei waren, die nicht minder kräftige Figuren waren, und so wurden wir letztlich nur vierte. Der Effekt Gaudi war dadurch nicht wirklich beeinträchtigt.
Am Nachmittag des 26.04. war dann die Hanoier Oper für die Feierstunde gemietet. Nun war natürlich festliche Kleidung angesagt, und artiges Sitzen und Reden hören. 
Unser Dean berichtete davon, dass es doch eine große Neuerung für Vietnam war, das Gebiet Public Health akademisch zu etablieren – ein Prozess der noch nicht abgeschlossen ist. Viele Menschen im ländlichen Bereich verstehen noch immer nicht, dass diese Master in Public Health keine Mediziner sind.
Dies sind die Teaching Assistants, die mir in unserer Abteilung immer wieder mit Übersetzungen helfen.
Der Hauptteil der Veranstaltung war der Verleihung von Orden und Ehrenurkunden gewidmet. Der Dean und die Schule wurden mit Verdienstorden ausgezeichnet – die Schule bekam ihren Orden an die Fahne geheftet. Auch unsere Abteilung für Hospital Management bekam eine Urkunde, ebenso ihr Leiter, mein Chef Prof. Phan Van Tuong. Ich bin zwar auf der Website als Mitglied verzeichnet (http://www.hsph.edu.vn/en/staff_HM_HospitalManagement), aber für eine Ehrenurkunde hat es nicht gereicht. ;-(( Einige Vertreter internationaler Organisationen (WHO, CDC Atlanta u.a.) überbrachten Grussadressen, dann waren wir alle, einschließlich der Studenten, zum Buffet-Abendessen in den Räumen der Oper eingeladen.
Natürlich wurde auch im staatlichen Fernsehen berichtet. Hier gibt es einen Ausschnitt aus der Sendung .... Man kann sehen, wie der Orden an die Fahne geheftet wird, man sieht unseren Dean (mit der sparsamen Frisur) und die Vice-Dean Prof. Ha in Aktion. Un dman kann sich mal das Erlebnis gönnen, etwas Vietnamesisch zu hören. Kommt ja nicht oft vor in Deutschen Fernsehen...
Die nachfolgenden Tage gehörten dann einem wissenschaftlichen Symposium, bei dem die “echten” Public Health Abteilungen, wie Epidemiologie, Environmental Medicine, Rehabilitation aber auch meine Kollegen ihre Forschungsprojekte vorstellten. Einige bekannten Namen aus USA standen auch auf der Vortragsliste. Und der Dean erklärte, dass dies der Auftakt sei zu der nun ausgerufenen “Dekade der Forschung”: Nachdem man die ersten 10 Jahre dem Aufbau des Ausbildungsbetriebs gewidmet habe, solle es jetzt darum gehen, die Hochschule auch als Forschungsinstitution zu etablieren.
Ich habe da so meine Fragezeichen: Wie will man hochkarätige Forscher ins Land holen wenn die Gehälter so lächerlich sind? Wie will man die Isolation überwinden, die aus dem Primat des Vietnamesischen folgt?
Aber ich bin schon mitten drin im Prozess der Entwicklung einer Forschungsstrategie und erlebe manche Kollegen in ganz neuem Kompetenz-Licht.

Freitag, 1. Juli 2011

Ausflug ins Land der Dao

Unsere Besucher aus Deutschland (Mischa und Tine) wollten auch etwas mehr sehen als “nur Hanoi”. Erster Gedanke: Dann fahren wir nach Norden, Richtung Grenze zu China, dort soll es besonders schön sein. Aber es stellte sich heraus, dass man dafür eigentlich mindestens 5 Tage braucht, die wir nicht hatten. So wurde beschlossen, an den ausgedehnten Stausee “Thac Ba” nordöstlich von Yen Bai zu fahren, etwa 4 Stunden mit dem Auto von Hanoi nach West-Nord-West. (Merkwürdigerweise ist er bei Google Maps nicht zu sehen, nur in der Satelitensicht).
Dort haben wohl vor einigen Jahren Franzosen einen sog. Eco-Resort aufgebaut, eine Art Landhotel. Die Website hat uns sofort angesprochen: http://www.lavievulinh.com/ , was für ein Blick auf dem Bild! Die Reservierung erfolgte in einem chaotischen Mini-Büro in der Altstadt von Hanoi, aber letztlich ohne Probleme.
Schon die Fahrt war ein Erlebnis. Durch kleinere und größere vietnamesische Dörfer, vorbei an grünen, mit Teebäumchen überzogenen Hügeln, an Flüßen entlang. Für uns war es das erste Mal, dass wir Tee wachsen sahen. Dann hieß es, schon sehr in der Wildnis, aussteigen aus dem angenehm klimatisierten Auto. Ein Junge mit Geländemotorrad kam angeknattert und griff sich unsere Rucksäcke, wir wurden zu einem Boot geführt.

Nach kurzer Fahrt bogen wir um eine Landzunge, “La Vie Vu Linh” lag vor uns, eine recht romantische und urige Angelegenheit.
Wir waren früh losgekommen, es war also grade Mittag, und wir wurden gleich zum Essen gerufen. Der Speiseraum, offen im Obergeschoss gelegen, war direkt vor unserem Zimmer. Essen und Getränke wurden auf dem mit Grasmatten belegten Boden serviert, mit oder ohne Kissen kauernd durften wir speisen. Die Chefin, in Tracht der dortigen Volksgruppe Dao, gesellte sich zwanglos dazu und nötigte uns, die teilweise unbekannten Speisen zu versuchen. Es schmeckte meist sehr gut.
Dies ist allerdings das Abendessen, mit viel Schnaps!
Schon der erste Spaziergang zeigte nicht nur die schöne Landschaft, sondern den regen Verkehr auf dem Wasser.
Dabei sahen wir zum ersten Mal die hier typische Art des Ruderns: Gemütlich angelehnt, sitzt der Ruderer hinten im schlanken Boot und rudert mit den Füssen! Da hat man sogar die Hände frei, um bei Bedarf einen Regenschirm zu halten, oder mit dem Handy SMS zu verschicken! Sieht es nicht wahnsinnig relaxed aus?
Zu unternehmen gab es nicht viel. Baden im See (Badewannenwarm), ein Ausflug auf dem See in die übernächste Bucht, und Spaziergänge durch das Dorf Vu Linh. 
Unter diesem Vietnamesenhut steckt Mischa, gerudert von unserer "Guide"
Bei der Fahrt über den See und dem anschließenden Spaziergang durch das Dorf erfuhren wir: Der See ist ein Stausee, die Umstellung auf Fischerei als Lebensgrundlage ist relativ neu. In den Dörfern überwiegt weiter der Anbau von Reis. Aber erst mal gab es einen schönen Blick vom Aussichtshügel:
Die Spaziergänge durch unser Dorf (beim zweiten Gang haben Elena und ich uns glatt verlaufen, so ausgedehnt, verschlungen und verschlafen lagen die Bauernsiedlungen in den Tälern verteilt) zeigten wunderschön liebliche Täler, 

die typischen Häuser, bei denen man auf Stelzen im Obergeschoss wohnt, und bei denen oft kaum Wände da sind - bei der Wärme wohl unnötig.
Und immer wieder Reis- oder Gemüsefelder...
Die Menschen leben offensichtlich recht harmonisch in dieser Landschaft. Immer wieder sahen wir vor allem die Väter mit den Kleinen auf dem Arm unterwegs.

Soweit wir das verstanden haben (Englisch war eher unverständlich beim jungen Personal dort), ist das Resort inzwischen nicht mehr unter französischem Management sondern es wird quasi als Kooperative von der Dorfbevölkerung betrieben. Die Chefin, die uns am ersten Tag begrüßte, ist auch die Chefin des Dorfes (Bürgermeisterin wäre wohl etwas unpräzise, da es mehr um eine Stammesfunktion zu gehen scheint.) So war auch der Service im Resort nicht ganz den Preisen entsprechend (Zimmerreinigung etc. nur auf Anforderung).
Um so herzlicher war aber die Atmosphere, vor allem das gemeinsame Abendessen mit allen Gästen und Mitarbeitern auf den Grasmatten, mit viel Schnaps der unterschiedlichsten Art, der natürlich immer “Tram Phan Tram” getrunken werden musste, also 100 von 100, oder “auf ex”.

Die Ausblicke über den See, zu jeder Tageszeit, waren immer wieder traumhaft.
Der Fahrer, der uns gebracht hatte, machte auch die 2 Tage dort Urlaub, um uns dann wieder zurück zu bringen. Zwischendrin wieder nach Hanoi zurück zu fahren, hätte sich wohl nicht gelohnt
Das erklärt vielleicht auch die etwas gehobene Preisklasse.

Freitag, 17. Juni 2011

Termiten

“Elena! Komm schnell!” Der Ruf unserer Haushaltshilfe Ly (sie spricht Deutsch!) klang alarmiert, sie rief aus meinem Arbeitszimmer.
Und der Alarm war berechtigt: Die vietnamesischen Termiten hatten zugeschlagen und beschlossen, mein Bücherregal zu ihrem neuen Domizil zu machen. An den Rückseiten der senkrechten und wagerechten Regalbretter entlang hatten sie ihre braunen “Wehrgänge” gebaut, mehr oder weniger breite und dicke, harte Tunnelgänge, einige größere Bauten in den Ecken. Auch die Papiere, Akten und Bücher waren großzügig einbezogen wurden in die Bauplanung.
 Die braune Baumasse war noch nicht ganz hart geworden, und so konnten wir schnell alles auseinander nehmen. Großflächige Attacken mit der Insektengiftspritze wurden von den weißen, larvenartigen Termiten relativ schlecht toleriert, sie mochten nicht mehr fressen und sich bewegen.
 So wurde mit vereinten Kräften das gesamte Regal mit Inhalt nach draußen geschleppt und dort nochmals intensiv besprüht. Im Zimmer wurden die Gänge von der Wand gekratzt und die Eintrittspforten, unten an der Fußbodenleiste, nochmal heftig mit Gift behandelt. Es bewegte sich nichts mehr.
 Aber Ly war weiter alarmiert und auch uns war klar: Wenn man nur die ausgeschwärmten Termiten gekillt hat, dann ist das Problem ja nicht gelöst. Die Königin muss vergiftet oder ausgegraben werden! (Ich erinnerte mich an meine Jugend, als mitten in unserer Küche in Südafrika eine solche Königin in 2 Meter Tiefe unter dem Fussboden ausgegraben – und vom Finder gegessen – wurde). Nun war unser Befall aber im 1.OG, und die Viecher kamen dort von irgendwo unter dem Fußboden. Wie sollte man da den Bau finden? Ly alarmierte sofort unseren Vermieter und erklärte, daß man Spezialisten kommen lassen mußte, die dann mit geeigneten Mitteln die Königin vergiften.
 Nach 2 Tagen kam dieser “Spezialist” dann auch, sehr vertrauenerweckend in einem Hemd mit der Aufschrift einer Firma für “Pest Control”. Beim näheren Hinsehen fand er kleine Termitengänge noch in mehreren weiteren Zimmern, in den Ecken zwischen Holzteilen und Wänden. Ein anderer junger Mann kam mit der großen Giftspritze und verteilte sein Gift flächendeckend. Die Pfützen standen noch viele Stunden hinterher überall auf dem Fußboden. Es sollte ja auch von den fleissigen Termiten zur Königin getragen werden um sie an ihrem traurigen Schicksal teilhaben zu lassen.
Wir haben die Nacht im Gästezimmer im oberen Stockwerk verbracht und es traf sich gut, dass wir dann erst mal eine Woche Urlaub geplant hatten, das Haus konnte also in Ruhe mit dem Gift bleiben.
Vorher aber hatte Elena in harter Arbeit alle Bretter, Bücher und Papiere von dem Termitenzement befreit. Einige Bretter sind schon ziemlich heftig angeknabbert.
Es bleibt natürlich die spannende Frage, ob die Königen wirklich tot ist. Denn gegessen hat sie niemand.

Sonntag, 17. April 2011

Der Tempel des östlichen Wassers

Unterwegs zu unserem Haus kommt man über einen kleinen Platz mit einem imposanten Eingangstor zu einem der unzähligen Tempel (Den oder Chua), die in der ganzen Stadt verstreut sind. 
Der Tempelhof, wenn man urch das Tor gekommen ist.

Ich habe mich mal etwas schlau gemacht über ihn, nachdem wir dort die zuvor beschriebene Len Dong Zeremonie erlebt haben.

Der kleine Tempel „Đông Nước“ im Ngọc Hà Bezirk, dem früheren Blumendorf vor den Toren der Stadt, wurde nach Feng Shui auf dem Land gebaut, wo die Wirbelstürme, bei Regen oder Gewitter, eine Säule von weißem Wasser in dem Himmel steigen ließen – die Menschen nannten ihn den Tempel des östlichen Wassers.
Der Tempel ist der Prinzessin Bạch Ngọc Nương geweiht. Nach der Legende war sie König Trần Anh Tông aus der Dynastie der Trần behilflich, die feindlichen Armeen der Laoten zu besiegen. König Trần Anh Tông regierte Đại Việt from 1293 bis 1314. (Sein Vater hatte kurz zuvor die Mongolen aus dem Land gewiesen.) Zur Belohnung ernannte er die tapfere Frau zur Prinzessin Bạch Ngọc Hồ und zur Thuỷ Tinh Lân Tinh.
Von den drei Eingangstoren gelangt man in den Tempelhof, dessen Seiten von den üblichen Nebengebäuden flankiert werden. Die Torsäulen sind geschmückt mit Darstellungen des Feuervogels Phoenix, martialischen Generalsfiguren als Beschützer, einigen chinesischen Schriftzügen, an den Seiten sind fast naiv anmutende Pferdedarstellungen.
Das niedrige Hauptgebäude, hinter dem sich der kleine Tempelteich verbirgt, und die Nebengebäude haben relativ flache, geschwungene Dächer, verziert mit mehreren, die Sonne erwartenden „Con Nghe“, den steinernen Hundgestalten, die bei keinem vietnamesischen Tempel fehlen. In der Tempelhalle dominiert mittig der Altar, rechts und links eingefasst von 8 Waffen, Trommeln, Gongs und Glocken. Weiter schmücken Statuen von “Đuc Ong”, “Quan Am”, “Hoang Bay” und “ Hoang Muoi” den Tempelraum. Sie stellen ebenso wie die Statue des “Thanh Mau” (Marian) auf dem Alter des Seitenflügels besonders schöne Schnitzereiarbeiten dar.
Neben der Prinzessin Ngọc Nương werden in dem buddhistischen Tempel die Darstellungen der ersten, zweiten und dritten Gestalt des Buddha verehrt. Erhalten sind auch die Chroniken zweier im Jahre 1572 geweihter Priester und weitere Dokumente. 
Über die Jahrhunderte wurde der Tempel oft renoviert, so dass er sich heute als schönes, gut erhaltenes religiöses Baudenkmal darstellt. Đền Đống Nước wurde 1993 als historisch wertvolles Kulturdenkmal stattlich anerkannt und in die offizielle Denkmalsliste aufgenommen.
In einem der Nebengebäude befindet sich eine Werkstatt, in der fast lebensgroße bunte Figuren von Pferde, Elefanten und sogar Menschen aus Papier hergestellt werden.

Ob auch diese großen und prachtvollen Figuren dann wirklich Opfer als Opfergaben verbrannt werden, fragten wir uns.  Ich erkundigte mich bei unserer früheren Sprachlehrerin und erfuhr:

Dies ist in der Tat der Fall. Könige, Prinzessinnen, Mandarine und sonstige Würdenträger brauchen einfach auch im Jenseits standesgemäße Fortbewegungsmittel

Es reicht nicht, nur das tägliche Essen und Trinken zu opfern. Dazu werden an hohen Festtagen dann die schönen Pferde und Elefanten verbrannt.

Auch die Menschenfiguren werden verbrannt - aber nicht wie bei uns im Mittelalter die Hexen oder nach Voodoo-Art der Stellvertreter der verhassten Chefs. Nein, aber wenn etwa eine Frau in ihrem dieseitigen Leben keinen Mann findet, dann kann es passieren, dass eine Wahrsagerin feststellt, ein Mann im Jenseits habe sich in sie verliebt und verhindere nun ihr Erdenglück.

Um sich zu befreien, muss sie ein Fest veranstalten, bei dem eine Frau aus Papier für den jenseitigen Liebhaber verbrannt wird. Wenn diese Opferfigur schön genug ist, dann wird er sie dort heiraten und die diesseitige Wunschfrau wird frei. Sie kann nun mit einem diesseitigen Mann ihr Erdenglück finden.
Oder jemand merkt, dass ihm gerade die Sterne nicht wohl gesonnen sind. Für jedes Jahr gibt es 24 Sterne (12 gute und 12 schlechte).

Jeder Mensch steht in jedem Jahr unter einem dieser Sterne. Wenn es ein schlechter ist, und er dauernd Pech zu haben scheint, dann kann es helfen, ein Tempelfest zu feiern und etwa einem der Könige Speisen, Geld (spezielles Opfergeld zum Verbrennen), Pferde oder etwa einen Elefanten durch Verbrennen zur Verfügung zu stellen. Er wird einem wohl gesonnen, und den Einfluss des bösen Sterns abwehren.
Hier stehen sie grade, und warten auf den Abmarsch ins Jenseits ...
 ... und dies ist dann das Tor dorthin ...
Alles dies erklärt uns zwanglos, warum es manchmal so verbrannt riecht in unserer Gegend: Jemand versucht, die Prinzessin Bạch Ngọc Hồ zu bestechen, damit sie den bösen Stern von ihm wendet.
Ob so die bekannte vietnamesische Korruption begonnen hat?