Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
_________________________________

Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Montag, 30. April 2012

Drachentöter

Unsere europäischen Sagen kennen unendliche Varianten, wie der tapfere Siegfried oder andere wackere Helden den schrecklichen Lindwurm besiegen. Sogar die Kirche hat den Drachentöter zum Heiligen gemacht - der Georg mit der Lanze, eigentlich ziemlich unchristlich!
Wie anders gehen die Asiaten mit Problem des bösen Drachen / Krokodils um : Wir sind grade in Battambang, Kambodscha. In der Nähe ragt ein Hügel auffallend aus der Reisebene. Die Sage dazu erzählt von einem bösen Riesenkrokodil oder Drachen, das gern ein hübsches Mädchen zur Frau wollte. Die Maid verweigerte sich aber und versuchte, mit ihrem Verlobten über den See zu flüchten. Das war natürlich eine dumme Idee. Das böse Reptil kam, zertrümmerte mit einem Schwanzschlag das Boot und riss die beiden in die Tiefe.
Die verängstigten Dörfler wussten Rat : Sie leiteten den Fluss um, der See vertrocknete und mit ihm das böse Reptil. Zum Sterben kringelte es sich zusammen und wurde zu Stein - es entstand der merkwürdige Berg.
Asiatische Klugheit?

Samstag, 21. April 2012

Cắt Tóc - Nam và Nữ


...so steht es bei ungefähr 20 kleinen und kleinsten Lädchen an unserer Ngo 173, der Hauptgasse von der unsere Nebengasse 63 abzweigt – "Friseur, männlich und weiblich".
Eines der größten dieser Lädchen habe ich mir schon lange als meinen Friseur ausgesucht, genauer gesagt ist es eine Friseuse. Heute war wieder mal ein Besuch fällig. Die “Haarpracht” wurde zu warm bei den fast schon sommerlichen Temperaturen.
Erst mal schneiden. "Nicht zu kurz" hatte ich auf meinem Handy vom Übersetzungsprogramm anzeigen lassen, “không quá ngắn”! Wunschgemäß wurde nur gekürzt. 
 Das sonst übliche Friseurgeratsche muss sie sich bei mir ja verkneifen, da sie wirklich kein Englisch kann, ich immer noch kein Vietnamesisch. Dafür hatte ich Zeit, den auch hier unvermeidlichen Ahnenaltar zu betrachten. Er war schließlich direkt neben meinen Füßen aufgebaut.
Diese Ahnen bekamen heute Tee, eine schöne große Pomelo und einen Stapel Geld, Kleine Scheine, aber ich zweifle, ob sie verbrannt werden, sie sahen echt aus.
Danach habe ich mir noch den Luxus einer Kopfmassage geleistet. Dazu haben die meisten dieser Salons noch einen oder zwei spezielle Stühle, wo man sich gemütlich hinlegen, kann, den Kopf über dem Wasserbecken. 
(Die Gemütlichkeit wird nur geringfügig eingeschränkt durch die Länge dieser Stühle, die eigentlich nur Körpergrößen bis 150 cm zulassen.) Nach und mit ausführlicher Wäsche wird dann massiert: Kopf, Nacken Gesicht, Ohren, immer wieder und mit immer neuen Lotionen und Unmengen an warmem Wasser. Schließlich werden noch die Ohren ausgeputzt, dann Föhnen und Fertig.
Heute liefen im Radio wohl lauter vietnamesische Lieder, die meine Friseuse kannte. So wurde die ganze Prozedur durch sanften Gesang begleitet. (Wir haben immer wieder beobachtet, wie gerne die Vietnamesen singen, auch bei der Arbeit.)

Dann ging es ans Zahlen, und ich war schon gespannt, ob bei mir auch, so wie bei unserem Freund Günter, die Inflation zuschlagen würde. Aber nein! Nur eine maßvolle Erhöhung wurde mir präsentiert: Statt 50.000 Dong sollte ich 60.000 bezahlen, je 30.000 für Schneiden und Waschen/Massieren. Da kann man doch nicht meckern.

60.000 Dong sind nach heutigem Kurs 2.17849 Euro.

Donnerstag, 19. April 2012

Xin Loi Con oder "Kontrollierte Geburten"


Vietnam ist bekannt dafür, dass es, mit wechselnder Intensität, eine Politik der Geburtenbegrenzung auf 1 bis maximal 2 Kinder verfolgt. Die Politik wurde in den 1960er Jahren eingeführt. Damals kamen auf eine Frau im Durchschnitt noch 4 Kinder. Aktuell liegt das Bevölkerungswachstum noch bei 1,054% (laut CIA Factbook), die Geburtenrate bei 16,83 pro 1000 Einwohner. Die strenge 2-Kindpolitik war etwa ab 2000 aufgehoben, 2008 wurde sie wieder eingeführt. Wer mehr als 2 Kinder hat, wird durch Geldstrafen (die bei der Landbevölkerung auch in Naturalien, etwa xx Sack Reis pro Kind, zu entrichten sind). Diese Politik besteht besteht noch heute und es gibt Berichte, dass etwa katholische Familien, die aus weltweit bekannten Gründen Probleme mit der Geburtenkontrolle haben, gerne bestraft werden. Siehe etwa http://www.christiantelegraph.com/issue6379.html.
Befragungen unter jüngeren und städtischen Vietnamesen ergeben im allgemeinen, dass die Bestrafung eher irrelevant ist. In einer Gesellschaft, in der beide Elternteile arbeiten müssen, möglichst in mehreren Jobs, stellt sich automatisch das Gefühl ein, dass man mehr als 2 Kinder ohnehin kaum verantworten und versorgen kann. Da kann es sich die Regierung sogar leisten, die Politik jetzt etwas zu mildern. Nach neuer Rechtslage sind drei Kinder unter bestimmten Bedingungen erlaubt, etwa wenn es ein erstes Kind aus einer anderen Ehe gibt. Nun wird aus Hanoi berichtet, dass die Familien grösser werden. Im ersten Quartal 2012 waren von 18.600 Neugeborenen bereits 1.456 dritte Kinder, im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 309 Geburten.

Die Geburtenbeschränkungspolitik hat traurige Folgen: Erst mal das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Jungen und Mädchen. Aus der Hälfte der 29 Stadtdistrikte von Hanoi wurde jetzt gemeldet, dass auf 100 geborene Mädchen durchschnittlich 155 neugeborene Jungen kamen. Auf das ganze Land gesehen ist es laut CIA Factbook noch nicht ganz so schlimm 112 zu 100 wird für 2011 berichtet. Das Traurige ist aber, dass dies keine zufällige Folge ist sondern das Ergebnis gezielter medizinischer Massnahmen. Nach einem Bericht aus dem Jahr 2010  betrug die Abtreibungsrate offiziell 58,2 abortiones pro 100 bekannte Geburten, mehr als 50%. Daraus hat man errechnet, dass jede Frau im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt 3,32 solche Eingriffe hat (wobei es hier keinerlei Fristenregelungen gibt). Die Einführung der Ultraschalldiagnostik und ihre Verfügbarkeit auch ausserhalb der Großstädte erweist so als Fluch, weil sie eine Selektion in Richtung männlicher Nachkommen ermöglicht.

Warum sind die kleinen Jungs so wichtig? Der Grund ist wohl im Glauben zu suchen. Zwar sind offiziell über 80% der Bevölkerung religionslos, aber es gibt kaum einen Haushalt, in dem nicht intensiv die Ahnenverehrung betrieben wird. Es gibt effektiv keinen Laden, keine Wohnung oder Werkstatt, keine private Immobilie ohne Ahnenaltar. Das ist wohl weder buddhistische noch konfuzianisches Erbteil, dass ist eher der alte animistische Bauernglaube dieser im Grund noch immer bäuerlichen Gesellschaft, der sich hier ausdrückt. Dieser Bauernglaube sagt auch, dass nur ein Sohn, eigentlich nur ein ältester Sohn, die Riten für das Wohlergehen der Ahnen richtig zelebrieren kann. Nur wenn der Sohn das Papierpferd, das Papierhaus oder die Papierfrau opfert, nur wenn er die Räucherstäbchen am Ahnenaltar anzündet um die Ahnen zum Genuss der dargebotenen Früchte, Zigarette, Schnäpse oder Plätzchen einzuladen, dann können die Ahnen diese Opfer richtig aufnehmen. Ergo: Wenn Du zu Lebzeiten keinen Sohn bekommst, dann musst Du im Jenseits darben! Dieser Glaube ist so stark, dass er alle modernen, logischen Überlegungen (Vietnam gilt heute als „implodierende Gesellschaft) hinwegfegt.

Eigene Friedhöfe für diese ungeborenen Kinder sind die Folge, „Xin Loi Con - Tut mir leid, Kind" ist die geläufige Redensart, um sich hier von einem Fetus zu verabschieden.
 

Mittwoch, 18. April 2012

Messias zu Ostern


Natürlich ist der Messias von Händel eigentlich ein Weihnachtsoratorium. Hier in Hanoi hat unser Chorleiter Graham das nicht so eng gesehen und kurzerhand eine Aufführung in die Woche zwischen die katholisch-protestantischen und die orthodoxen Ostern gelegt. Er hat sich dabei sicher keine liturgischen Hintergedanken gemacht, es geht ja doch bei einer Aufführung in der Oper in erster Linie um die Musik. Und die Musik ist jetzt nicht weniger hinreißend als zu Weihnachten. Geboten wurde der erste Teil, und dann noch das berühmte Halleluja (als Zugabe sogar ein zweites Mal.)
Und was soll ich sagen? Es hat wieder wahnsinnig viel Spaß gemacht! Ich denke, mit unserem Chor von etwa 130 Sängerinnen und Sängern (der Opernchor, der internationale Chor, der Chor der Musikhochschule hatten sich vereinigt!) haben wir, glaube ich, die ehrwürdigen Wände erschüttert mit unserem Halleluja!
Bei der Generalprobe ging es noch etwas locker zu.
Zum Konzert war natürlich dann der feine Zwirn angesagt.
Als Vorspiel gab es noch die „Wassermusik“. Elena und ich haben uns dazu in die Beleuchterloge gesetzt um nicht stehen zu müssen. Ein ungewohnter Ausblick.
Es ist schon ein unglaublich tolles Gefühl, wenn man so als Teil eines gewaltigen Klangkörpers vom Schwung mitgenommen wird!
Danach gab es dann noch das Posierfoto, vor den leeren Zuschauerraum, gemeinsam mit unserer Mitstreiterin (und CIM-Kollegin) Vera.
Deren Mann Günter ist auch der Dank geschuldet für die Fotos.
Ja, heute ist auch noch eine „Kritik“ erschienen, fast überschwänglich: KVT has a satisfying date with The Messiah! Der Kritiker, nach dem Namen ein Vietnamese, hat sich schon angemeldet, bei der kommenden Carmina Burana den Tenor zu verstärken.
Wer schreibt dann die Kritik?

Siesta auf Vietnamesisch

Es ist wieder warm geworden nach einem langen Winter. Folglich schlägt nach dem Mittagessen das "post-lunch-coma" wieder unerbittlich zu.
Ich geniesse ja den Luxus, zum Essen und anschliessenden Schläfchen nach Hause zu fahren, aber die Vietnamesen tun das nicht. Sie schlafen buchstäblich wo sie gehen und stehen.

Unsere Projektassistentin Nhung zum Beispiel nutzt ihren Laptop als Kopfkissen. Da ist jedenfalls vorprogrammiert, dass man nicht zu lange schläft...

Montag, 9. April 2012

Wo sind denn die Patienten?


Es wird aus Vietnam immer wieder berichtet, dass die Krankenhäuser überfüllt seien, zwei und mehr Patienten müssten sich ein Bett teilen, vor allem in den Zentralkrankenhäusern. Wenn man aber durch die Häuser geht, wie ich jetzt in Tuy Hoa, dann sieht man das fast nie. Wie kommt das nur?
Eine mögliche Erklärung ist, dass die Krankenhausdirektoren mehr Betten aufstellen als sie laut Plan haben. Auch in Deutschland hatten wir viele Jahre lang erstaunliche Unterschiede zwischen den sog. aufgestellten Betten und den Planbetten. So kann man mehr Patienten unterbringen und den Planungsbehörden beweisen, welchen zusätzlichen Bedarf an Planbetten man hat. In Vietnam macht das Sinn, weil die Zahl der Planbetten noch immer die wesentliche Berechnungsgrundlage für die staatlichen Budgetzuschüsse ist (in Deutschland waren es die Investitionszuschüsse).
Eine andere Möglichkeit verbirgt sich hinter unterschiedlichen Zählweisen für die Tage der Behandlungsdauer. Man kann, je nach rechtlicher Vorgabe, die Tage der Aufnahme und der Entlassung als jeweils einen Tag zählen, oder nur zusammen als einen Tag. Letzteres ist in Deutschland die Vorschrift. Man geht davon aus, dass die meisten Patienten am Tag der Aufnahme und am Tag der Entlassung nur jeweils den halben Tag im Haus sind (was ja nicht unrealistisch ist). In Vietnam werden die beiden Tage jeweils als ganze Tage gezählt. Wenn also ein Patient am Montag ins Krankenhaus kommt und am Freitag entlassen wird, dann sind das in Deutschland 4 Behandlungstage, in Vietnam aber sind es 5. Diese sog. durchschnittliche Verweildauer ist also ein echtes Politikum.
Lasst uns das mal am praktischen Beispiel studieren:
Die obigen Angaben entsprechen in etwa den Zahlen unseres Krankenhauses in Tuy Hoa. Es hat tatsächlich eine Auslastung von 120% angegeben. In (aus deutscher Sicht) realen Zahlen entspricht das bei gleicher Patientenzahl 105% Auslastung. Je niedriger die Behandlungsdauer ist, um so größer ist diese Diskrepanz.
Natürlich ist 105% noch immer hoch. In Deutschland spricht man bei 85% im Jahresdurchschnitt von Vollauslastung (etwa wegen der Notwendigkeit, Männlein und Weiblein zu trennen).
Trotzdem: Man muss nur noch ganz wenige „schwarze Betten“ zusätzlich aufstellen, und schon hat man 120%, ohne jemals mehrere Patienten ins Bett zu legen.

Das kann doch für einen vietnamesischen Krankenhausdirektor kein Problem sein, oder?

Wenn einer eine Reise tut ...


Die GIZ (früher GTZ) fördert mit ihrem Gesundheitsprogramm in Vietnam 5 Provinzen. In einer davon, Phu Yen, war ich in der vergangenen Woche zum Workshop eingeladen und hatte dabei auch Gelegenheit, das dortige „General Hospital“ in Tuy Hoa zu besichtigen. Es sollten die Ergebnisse der Qualitätsmanagementschulungen vorgeführt, das Krankenhaus allgemein gezeigt werden.
Zu jedem EZ-Projekt gehört mindestens ein sog. Study Trip. GIZ hatte im vergangenen Sommer eine ganze Reisegruppe nach Deutschland eingeladen, unter anderem wurde das Josephs-Krankenhaus in Berlin und meine alte Wirkungsstätte in Stendal besucht. Ein Ergebnis dieses Study Trip wurde nun ganz stolz vom Direktor vorgeführt.
Es geht um die Intensivstation, deren Tür hier abgebildet ist. Mit Unterstützung der GIZ wurde wenigstens für diese Station „Comprehensive Care“ eingeführt. Das bedeutet, dass die Patienten nicht mehr von ihren Familienangehörigen versorgt werden (wie in 95% der Kliniken in Vietnam) sondern ausschließlich von Krankenhauspersonal. Folglich wurde an der Tür ein Schild aufgehängt, das in deutlicher Sprache („Zutritt verboten“ oder so) den Angehörigen den Eintritt verbieten sollte.
Dann war der Direktor in Berlin im Josephs-Krankenhaus, wo wohl auch der Zugang zur Intensivstation durch ein Schild geregelt wird. Dieses Schild aber sei viel höflicher gewesen als sein brutales „Zutritt verboten“ berichtete er. Daraufhin beschloss er, die Aufschrift zu ändern. Nun steht dort:

„Eingang nur auf Einladung!“