In
diesem Frühling wurde aus dem Ba
Tơ Distrikt der Provinz Quang Ngai das vermehrte Auftreten von
unerklärbaren Todesfällen gemeldet. Ganz überwiegend waren Kinder
betroffen. Die Zahlen waren nicht überwältigend, zwischen April
2011 und Juni 2012 wurden 216 Patienten mit besonderen Lesionen and
Händen und Füssen gemeldet, viele hatten erhöhte Leberwerte, 12
starben an Multiorganversagen oder allgemeiner Sepsis. Medizinisch heisst die neue Erkrankung „inflammatory
palmoplantar hyperkeratosis, IPPH“. Eine „mystery disease“
wurde sie genannt, bei der erst die Haut betroffen ist, später eine
allgemeine Entzündung um sich greift.
Der Alarm war deshalb trotz der kleinen Zahlen gross. Wirkungsmechanismen, Ursachen
und Behandlungsansätze waren nicht bekannt. Zunächst war auch nicht
klar, ob die Erkrankung lokal beschränkt bleiben würde, was nach derzeitiger
Auffassung wohl der Fall ist. Die Fälle sind auf diese relativ arme
Küsten-Region Nord-Mittelvietnams beschränkt.
Was
tut ein Land wie Vietnam, wenn so eine rätselhafte neue Krankheit
auftritt? Man berät sich mit Experten von der WHO und aus den USA.
Eine Gruppe solcher Experten wurde nach Vietnam eingeladen und hat
nun einen ersten Bericht vorgelegt.
Danach
wird davon ausgegangen, dass eine Vergiftung als wahrscheinlichste
Ursache anzunehmen ist, weil neben bestimmten Hautpartien die Leber
in besonderem Masse betroffen war. Anorganische Gifte (an denen es ja
in Vietnam nicht mangelt, vom natürlich vorkommenden Arsen bis zur
US-amerikanischen Hinterlassenschaft Dioxin (Agent Orange), aber auch
Blei, Chrom, Nickel und andere wurden ausgeschieden, weil sie in der
Region nicht verstärkt auftreten. Da in der Gegend viel Reis
angebaut wird, wurden auch die diversen Agrochemikalien in Betracht
gezogen. Der Verdacht blieb nicht auf ihnen haften, weil sie
überregional im ganzen Land angewendet werden. Auch traditionelle
Medizin geriet ins Visier der internationalen Experten. Aber alle
Patienten bekräftigten, dass sie vor der Erkrankung keinen der
traditionellen Heiler aufgesucht oder selber im Wald Heilkräuter
gesucht hatten.
Die
hier geschilderte Vorgehensweise ist m.E. nicht uninteressant: Im
Negativverfahren werden nacheinander alle möglichen Toxine oder
deren Quellen ausgeschlossen, wenn sie nicht in Frage kommen.
Und
was blieb übrig? Zitat: „Mycotoxins have a high priority
because some fungi may produce dermatologic symptoms and are toxic to
the liver (but no known mycotoxin produces both symptoms). Fungi and
aflatoxins are present in rice from the affected commune.
Aspergillus, Fusarium, and Penicillum were present in the rice.
Aflatoxins were measured in 37% (68/186) of the unhusked rice samples
and 11% (25/233) of the husked rice samples. Levels of aflatoxin B1
and B2s exceeded the permissible level in 9% (16/186) of the samples
of unhusked rice and 2% (4/233) of the husked rice.“ Also
Pilztoxine, die auf Reis vorkommen, werden als die Auslöser vermutet
– auf Deutsch: Der Reis war verschimmelt.
Der
Abschlussbericht der Kommission wurde in diesen Tagen vorgelegt. Er
schlägt zunächst weitere Untersuchungen vor, um die Hypothese
weiter zu prüfen. Bis dahin geht man aber davon aus, dass bestimmte
Arten der Behandlung und Aufbewahrung von Reis, der in der Region
angebaut wird, unter bestimmten klimatischen Bedingungen zur Bildung
der giftigen Pilze führen können. Die Menschen sollen also
möglichst die Lagerungsbedingungen ändern, weniger den dort übliche
roten Reis essen und ihren Reis nicht zu lange lagern. Wenn bereits
ein Familienmitglied die Krankheit hat, dann ist dies ein Indikator,
das dieser Haushalt den toxischen Schimmelpilzen gute
Lebensbedingungen bietet. Hier besteht also besonderer
Handlungsbedarf.

Warum
Kinder besonders betroffen sind? Wie gesagt, es ist eine eher arme
Region, in der zwar kein direkter Hunger herrscht, aber die Ernährung
relativ einseitig auf 3xtäglich Reis basiert. (Ein beliebtes
Gericht: Reis mit Kaulquappen.) Dabei gelten 30% der Kinder offiziell
als unterernährt.
Schimmel
ist überall in Vietnam ein Problem. Zu bestimmten Jahreszeiten kann
man fast nicht vermeiden, dass alles im Haushalt schimmelt. Auch bei
uns haben wir diese netten weissen oder grünen Beläge schon fast
überall gefunden, Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Koffer, Möbel
(sogar unsere Lautsprecherboxen hatten plötzlich solch einen
weisslichen Überzug!) und Wände, Türen, Fenster. Schlimm wenn eine
solche Schimmelart nun eine solche Krankheit verursacht.
Denn diese
Ursache wird dort kaum zu bekämpfen sein.