Der kleine schwarze Fleck im Augenwinkel wurde langsam grösser – Netzhautablösung war die Diagnose, die mir im Vietnamesisch-Russischen Augenkrankenhaus schnell bestätigt wurde. “Das bedeutet sofortige Operation, klare Notfallindikation” bestätigte der Oberarzt der Erlanger Augenklinik, den ich anrief. Ebenso klar aber erteilte er ein Flugverbot “wenn Ihnen Ihr Augenlicht etwas wert ist”.
So wurde ein Hilferuf an die Leitung meiner Hochschule gestartet, und binnen weniger Stunden hatte ich den Leitenden Arzt für Retinaoperationen des “Central Eze Institute” am Handy. Er kam grade aus HCMC zurück, es war Freitag Abend. “Ja, klar, sowas muss sofort operiert werden. Ja, wir im Zentralen Augenkrankenhaus machen das sehr gerne, als Einzige in Nordvietnam, kommen Sie am Montag um 8.00”. So also die vietnamesische Interpretation von Notfall. Alle seine Ärzte seien noch bei einem Kongress in HCMC, und überhaupt, OP am Wochenende, das sei ja nun wirklich nicht drin. Ich solle halt ruhig liegen, dann werde es schon nicht schlimmer werden.
Ich lag wie ein Stein.
Am Montag dann die übliche Routine, Atropin zur Irisweitung, Untersuchungen, Ultraschall, allgemeiner Status, meist im Eilverfahren an den vielen wartenden Vietnamesen vorbei. Gegen Mittag bekam ich mein Bett in einem Vierbettzimmer, zunächst alleine, dann wurde noch ein Bett belegt: Eine ältere vietnamesische Dame, die Tochter legte sich dann gleich zur Siesta mit in ihr Bett. Die Hochschule hatte Ngoc geschickt, eine unserer Lehrassistentinnen, sie sollte uns bei allen Formalitäten helfen, ging auch mit Elena zur Kantine zum Essen holen. Vorher hatte sie meine Urinprobe im offenen Reagenzglas ins Labor bringen dürfen. Dafür braucht man eben einfach Angehörige. Ob sie auch die üblichen "Umschläge" an Arzt und Schwestern verteilte, kann ich nicht sagen.
Auch ich sollte laut Operateur kräftig essen, “damit ich Kraft habe für die Operation”, die werde ja nur unter lokaler Betäubung durchgeführt.
Dann begleiteten mich meine beiden Angehörigen Elena und Ngoc zum OP-Trakt, mit mir etwa 15 vietnamesische Patienten/innen, meist mit schwarzem Punkt auf der Stirn über dem zur OP vorgesehenen Auge. Umkleiden in den blauen Einwegkittel über meine Strassenkleidung, Haube auf den Kopf, viel zu kleine Plastiklatschen störten nicht, für die fünf Schritte. Der Operateur begrüsste mich in “meinem OP-Saal” per Handschlag über den Tisch hinweg. “Make yourself comfortable...”
Die OP soll nun nicht im Detail beschrieben werden, obwohl ich sie, nur lokal betäubt, wirklich hautnah miterleben durfte. Ich erlebte auch, dass mein Operateur immer weider per Handy angerufen wurde und längere Gespräche führte. Den dabei ungenutzten Trokar in meinem Auge konnte ich derweil intensiv bertrachten. Ob dadurch die OP-Dauer, auf 45 Minuten angesetzt, auf mehr als das doppelte ausgedehnt wurde? Natürlich war ich gereizt ob dieses Verhaltens, natürlich habe ich mich nicht beschwert (irgendwie fühlt man sich etwas am kürzeren Ende des Hebels, wenn man so auf dem Tisch liegt...)
Wie auch immer: Die OP verlief ohne Probleme, es schloss sich eine relativ schmerzhafte Nacht an (die Lampen hatten durch die lange OP-Dauer der Hornhaut wohl einen “Sonnenbrand” verpasst), am Nachmittag kam dann unser “Vice-Dean” und teilte uns mit: ”I have just phoned the doctor, you are going home now.” Meine Meinung dazu war nicht wirklich gefragt. Er brachte noch Rezepte für eine umfassende lokale und systemische Antibiotika-Behandlung, und keine halbe Stunde später waren wir wieder daheim. Der Dienstwagen der Hochschule hatte uns fast bis zu Haustür gebracht.