Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Samstag, 13. November 2010

Heiliger Bac Ho - bitt' für uns!

Es wurde schon berichtet, dass man hierzulande kein Problem damit hat, auch für den beliebten Bac Ho (den deutschen '68ern als Ho Chi Minh bekannt) in einem Tempel aus geeignetem Anlass Räucherstäbchen anzuzünden.
Unser heutiger Ausflug in den Naturpark Ba Vi, etwa 60 km westlich von hier, hat gezeigt, dass der Besagte inzwischen längst den Status eines Heiligen erreicht hat. Der Heilge des Kommunismus würden wir sagen, in Wirklichkeit wohl der Heilige der nationalen Einheit.
Ba Vi ist um drei Berge (Ba=Drei, Vi=Berge) angelegt, die erstaunlich steil bis über 1200 Meter aus der Deltaebene (30 Meter) herausragen. Man gelangt schnell in angenehme Klimazonen, dichter Wald, in dem nach oben hin die Bananen immer weniger werden, läßt den den Smog geplagten Hanoibebohner fast eine Sauerstoffvergiftung erleiden. Zwei Seen, wunderschöne Ausblicke (heute weniger, es war zu herbstlich diesig), angeblich über 800 verschiedene Bäume und hunderte verschiedene Tiere laden zum Verweilen ein.

 
Nachdem sich der Bus unserer Reisegruppe über abenteuerliche Serpentinen auf etwa 800 Meter hoch geschraubt hatte, ging es über 1200 Stufen hinauf auf den Gipfel des Königsberges. Oben angekommen, begrüßte uns der "Temple of Bac Ho" (Bac = Onkel), eine ganz normale vietnamesische Tempelanlage auf einer Plattform mit schönster Aussicht. Im Inneren trohnt ein goldener Bac Ho über einem schön verzierten Altar, die Töne einer Tempelglocke rufen zur Andacht und alle stehen auch wirklich andächtig, ohne Schuhe wie üblich, und betrachten Bac Ho und seine künstlichen Blumen.

 
Mag die Andacht bei uns ungläubigen Ausländern noch oberflächlich gewesen sein - die kurz darauf auf die Knie fallenden Pilgerfrauen meinen es um so ernster. Mit betend zusammengelegten Händen und unter wiederholten Verbeugungen werden lange Gebete gesagt. Ob Bac Ho für das bevorstehende Examen der Tochter um Beistand gebeten wird, oder um Hilfe für die kranke Oma, das verstehen wir natürlich nicht. Aber nach Berichten sind das so typische Beispiele. 

 
Anschließend läßt man sich als anständige Pilgerin in das Pilgerbuch eintragen, zahlt seinen Obulus in die Spendenkiste und kann frohgemut von dannen ziehen. Im dem großen Bronzekessel draussen liegen noch die Reste der letzten Brandopfer. Dort kann man auch noch mehr tun: Eine 100 Dollar Spielgeldnote ist übrig geblieben.

 
Auf dem Rückweg werden noch die Überreste einer französischen Siedlung aus den 30er Jahren besucht. Die Häuser und eine Kirche werden mit Macht von der Natur zurück erobert.


Im Portal der Kirchenruine posiert mal wieder ein Brautpaar. Die kleinen Brautkinderchen in ihren vietnamesischen Au Dais sind allerliebst.

Freitag, 29. Oktober 2010

Freiluftsaison eröffnet!

Vor wenigen Tagen haben wir die Freiluftsaison eröffnet und uns zum Mittagessen in den Garten gesetzt. Die Temperaturen sind auf angenehme 25° C gefallen, da kann man es draußen, ohne Klimaanlage, wieder gut aushalten.
Wir hatten auch gleich einen wunderschönen Besucher, den Elena sofort portraitiert hat:

(Mit Doppelklick wird das Foto noch größer!)

Mahler 8 in Hanoi: Fast 1000 Musiker mit der Symphonie zur 1000-Jahrfeier

Beim letzten "Zieht uns hinan!" hatten die Chöre wieder zusammen gefunden. Das Orchester hatte das Finale fulminant intoniert, einschließlich der Bläsergruppe auf der Empore. Mit den letzten Schlägen aller versammelten Pauken ging der Mahler 8 zu Ende. Beifall für den Dirigenten, die Solisten, den Chormeister, das Orchester, den Chor - alles wurde stürmisch gefeiert. Wie in einer späteren Kritik zu lesen, war die Aufführung auch insgesamt gelungen. Trotzdem, als wir danach beim gemeinsamen Fest zusammen saßen, stimmten die anderen Elena zu: Irgendwie blieb ein unbefriedigtes Gefühl. Einiges war uns als Chor nicht so gelungen, aber vor allem war dieses elektrisierende Chor-Gefühl nicht aufgekommen. Vielleicht weil er Chor zu riesig und zu sehr über die Bühne verteilt war. Vielleicht auch, weil der Dirigent, als reiner Orchestermeister, mit uns, dem Chor, einfach nicht so viel am Hut hatte.

Aber es war doch der glanzvolle Schlusspunkt einer intensiven Probenzeit. In der letzten Woche hatten wir uns bis zu 2 Mal täglich in einer kahlen Turnhalle getroffen, teils mit, teils ohne Orchester oder Solisten. 


Auch die Anzahl der Choristinnen und Choristen war immer weiter angewachsen: 6 Chöre aus Vietnam, einer aus Thailand, einer aus Japan sollten sich zu insgesamt einem Chor zusammensingen.
Die etwa 650 Sängerinnen und Sänger wurden aber gleich aufgeteilt: Chor 1 links, Chor 2 rechts. Innerhalb der Stimmen dieser Chöre dann nochmals in "Sopran/Alt/Tenor/Bass Eins" und "Sopran/Alt/Tenor/Bass Zwei", dazu noch der Kinderchor, der sicher schon mal 150 Kinder aufs Podest brachte.
Hier sehen wir zum Beispiel einen Ausschnitt vom "Alt 2" des Chores 2. Es ist Pause.
Hier warten einige Bässe des Chores 2 auf das Einüben der vietnamesischen Nationalhymne.
Damit fing das Konzert natürlich an!
Auch im riesigen Orchester fanden sich mehrere Gruppierungen zusammen, verstärkt unter anderem durch Musiker aus Norwegen. Manches, wie die vorgeschriebene Riesenorgel, musste improvisiert werden, in diesem Fall durch zwei Elektro-Orgeln, neben denen auch noch ein Flügel und ein Harmonium eingesetzt wurde.
Viele Pausen in den Proben - aber man kann sie ja nutzen.
Bei diesen vielen Menschen brauchte schon die Organisation unendlich lange. "Bitte alle vom Chor 2 bitte rechts auf die Empore!" Das dauert dann schon mal 20 Minuten.
Noch länger dauert es, als wir uns alle am Samstag nachmittag um 14.00 zur Generalprobe in Convention Center treffen. Ein hypermodernes, gigantomanisches Gebäude, bei dem man gar nicht wissen will, wieviele Entwicklungshilfemillionen ihren Weg dorthin gefunden haben. Der Aufbau des Chores auf der Bühne alleine braucht etwa eine Stunde.

 
Dann gibt der Dirigent, Herr Honna (Japaner, seit langem Leiter des hiesigen Symphonieorchesters), das Signal zum Aufstehen. Es raschelt und trampelt, dann geht ein Schrei durch die Reihen der Kinder und Damen, die dort gesessen haben. Es zeigt sich, dass die Podestkonstruktion, auf der die etwa 600 Menschen singen sollen, dem nicht gewachsen ist. Sie bricht zwar zum Glück nicht zusammen, aber sie gerät heftigst ins Schwanken. Ganz vorsichtig schleichen alle, alle wieder hinunter in den Saal.
Als sich dann noch zeigt, dass die Elektro-Orgeln keinen vernünftigen Anschluss zum hauseigenen Lautsprechersystem haben, gibt Herr Honna erst mal auf: "Geht alle mal spazieren, aber bitte nicht zu weit weg! Ich weiß jetzt auch nicht, wann wir unsere Generalprobe machen können."
Nun, es war dann gegen 17.00 Uhr, als wir uns wieder alle auf der Bühne versammelt hatten. 

Bei der Generalprobe, Aussicht als 2. Alt, 2. Chor. Gaanz hinten unten sind die Bässe vom Chor 1 kaum noch zu sehen!
Und zu hören?
Das Podest wackelte nicht mehr, die Orgeln dröhnten, die Solisten hatten keine Zeit zum Einsingen gehabt: Wir hatten alle unten im Café das Eine oder Andere getrunken.... Es wurde eine Generalprobe, in der nichts geprobt wurde: Einfach ein Mal durch, ohne Punkt und Komma, danach kurze Manöverkritik auf Vietnamesisch, Japanisch und Englisch.
 
Ja, zur Aufführung hatten wir uns natürlich alle fein gemacht. 

Diese Damen gehörten wohl zum Armee-Chor. Das ist also Uniform!
Die Vietnamesinnen mit ihren bunten Ao Dais, die Kinder mit ihren Pionieruniformen, wir restlichen wie üblich in Dunkel. 
Die Mädels vom Kinderchor hatten sich als so etwas wie Edelpioniere herausgeputzt...
Vor Beginn der Aufführung gab es doch noch eine Wartezeit. Zeit zur Autogrammjagd für die Kinder. Es gab ja eine nicht geringe Zahl an ausländischen Soilsten, Aber die warteten nicht wie wir im Zuschauerraum. Und so wurde uns halt die Ehre zu Teil, um Autogramme gebeten zu werden. 

Der Saal war mit seinen 3800 Plätzen sicher nicht ausverkauft. Aber wir waren ja auch nicht die 1000 Sänger, die eigentlich zu dieser 8. Symphonie von Gustav Mahler gehören. 

Das Publikum war wohl trotzdem beeindruckt und begeistert. Ob die bis 12 verschiedenen Chorstimmen, gleichzeitig mit 8 Solistinnen und Solisten und dem Orchester, jede Dissonnanz richtig getroffen haben, war ja auch beim besten Willen nicht heraus zu hören.
 
Die Presse war sich einig: Ein großartiges, in Vietnam noch nie dagewesenes Ereignis zur 1000-Jahr Feier, mit großer internationaler Beteiligung, war es auf jeden Fall! (ein Bericht ist in Norwegen erschienen.)

 
Und wir sind dabei gewesen!

Montag, 25. Oktober 2010

Das Haus will nicht mehr wachsen

Es ist nicht klar, was passiert ist, aber es sieht nicht gut aus!

Vor einigen Tagen ist uns aufgefallen dass da drüben kein Lärm mehr gemacht wird. Ein Blick von der Terrasse zeigt ein schlimmes Bild:
Seit Tagen hat niemand den Mut gefunden, auch nur einen Balken aufzuräumen!

Was mag passiert sein? Ist die ganze Schalung zum Betonnieren der nächsten Ebene einfach zusammen gebrochen? Hat es gar einen schlimmen Unfall gegeben? Wir werden es nicht herausfinden, aber es sieht fast danach aus.

Oder war es ein Schwarzbau (auch hierzulande gibt es sowas wie Baugenehmigngsverfahren), und die Inspektoren haben einfach die Baustelle auf drastische Weise stillgelegt?

Es liegt jedenfalls nahe, über den Spruch mit der Berufsgenossenschaft noch mal nach zu denken ...

Freitag, 22. Oktober 2010

Mindestlöhne

Gestern hatte ich einen interessanten Austausch zum Thema Mindestlöhne mit unserem Vermieter. Es ging um unsere von ihm gestellte Reinigungsfrau. Sie soll jeden Morgen Garten und Schwimmbad sauber machen, bis zu 2 Stunden, sonst arbeitet sie bei ihm. Ich hatte der Dame vor etwa 10 Tagen eine schriftliche Abmahnung in die Hand gedrückt, auf Englisch und vietnamesisch, und angekündigt dass wir den Lohn kürzen werden oder ihre Tätigkeit beenden, wenn sich ihr zeitliches und qualitatives Engagement nicht verbessert. Sie hatte schließlich nur noch 45 Minuten gearbeitet, das Pool-Wasser verdrecken lassen und auch den Garten nur noch rudimentär gepflegt. Dafür war uns die Zahlung von 1 Million Dong pro Monat zu hoch. Das sind zwar nur etwa 50 US Dollar, aber nach meiner Kenntnis liegt ja auch das durchschnittliche Jahreseinkommen in Vietnam (laut Weltbank, Atlas Methode) bei 480 USD pro Jahr. Trotzdem werde ich seitdem am Morgen nicht mehr gegrüßt, wenn ich zum Schwimmen auftauche.
Nun kam also unser Vermieter, offensichtlich ungehalten, und erklärte mir, ob ich nicht wüßte, dass es in Vietnam einen geregelten Mindestlohn gibt, und der läge inzwischen für Hauspersonal bei 50.000 VND pro Stunde. Wenn wir also von unserer Gartenfee etwa 45 Stunden pro Monat Arbeit bekämen (1,5 Stunden mal 30 Tage, sie kommt auch am Wochenende), dann wäre der Lohn von 1 Million doch echt billig. Rechnerisch kann man dem nicht widersprechen: Multipliziert mit 50.0000 ergäbe das ein Monatsgehalt von 2.250.000 VND.
Ich habe aber mal angefangen, zu recherchieren. Laut offiziellem Regierungsdekret wurden die Löhne in Vietnam im Juni 2010 erhöht: Für staatliche Einrichtungen liegt der monatliche Mindestlohn jetzt bei 730.000 VND, Berufsanfänger mit Studienabschluss bekommen 1,7 Mio VND. Auch der Privatsektor ist geregelt: In Firmen mit überwiegend ausländischen Kapital gibt es vier Gruppen von 1,0 Mio VND bis 1,34 Mio VND. Ich weiß zudem aus eigener Erfahrung, dass Professoren knapp 4 Millionen VND Gehalt haben ($200), Dozenten knapp 3 Millionen ($150) und etwa Hebammen im Krankenhaus 1 Million ($50).
Wohlgemerkt: Das sind alles Zahlen für Vollzeitbeschäftigung, die in Vietnam offiziell bei 40 Wochenstunden liegt.
Die Antwort unseres Vermieters: Das sei alles falsch, ich müsse noch viel über Vietnam lernen. Sein Sohn (Vorstandsassistent bei der größten Telefongesellschaft) hätte schließlich auch ein Monatsgehalt von $2200. Dazu habe ich ihn natürlich sehr beglückwünscht, aber mir doch den Hinweis erlaubt, dass das mit Mindestlöhnen wohl nichts zu tun hat.
Nun meinte mein lieber Vermieter, es stünde uns ja frei, jederzeit jemanden Anderes für die Tätigkeit einzustellen. Ich solle nur wissen: Für die Einarbeitung einer solchen Kraft, sprich die Einweisung in die Bedienung der Schwimmbadmaschinerie, hätte er keine Zeit. Da müßte ich schon selber sehen, wie ich klar komme.
Spätestens hier ergibt sich die Frage, warum er sich überhaupt so engagiert für das Gehalt seiner Putzfrau.
Die vietnamesische Antwort ist klar. (Fast?) Jeder höher gestellte Vietnamese verlangt und bekommt einen Anteil des Gehalts abgeliefert, wenn er einem seiner Untergebenen eine lukrative Stelle verschafft. (Das ist Teil der Fürsorgepflichten, die man als Chef in Vietnam nach konfuzianischer oder sonstiger Tradition hat. Ob Konfuzius auch die Ablieferung vorgschrieben hat, kann ich nicht sagen) Sollte das wirklich bei unserem Vermieter auch so sein? Eigentlich hat er das als Besitzer mehrerer Häuser und Wohnungen nicht nötig. 

Aber gute Traditionen soll man ja nicht ohne Not verabschieden ...

Sonntag, 10. Oktober 2010

Das Haus wächst weiter

Vor einigen Wochen wurde berichtet, dass hier gegenüber ein Haus gebaut wird. Ganz hinten, am Ende einer engen Gasse, durch die alle Materialien nur per Hand gebracht werden können.
Der Bau schreitet trotzdem voran und schaut jetzt schon über die Bäume.
Was die Berufsgenossenschaft wohl zur Arbeitssicherheit sagen würde...?

Freitag, 8. Oktober 2010

Diplomatie hautnah

Am Montag den 4.10. war in Hanoi Tag der Deutschen Einheit. Zumindest wurde er an diesem Tag gefeiert.  Die Feier am richtigen Tag war aus unbekannten Gründen nicht möglich. Böse Zungen meinten, das Botschaftspersonal habe halt am Sonntag nicht arbeiten wollen. Aber es könnte auch am Standort der Botschafterresidenz liegen: Die Dien Bien Phu ist die Einflugschneise von der Innenstadt zum großen Ba Dinh Platz mit dem Mausoleum. Damit ist sie ein Hauptschwerpunkt des Verkehrschaos, wenn die verschiedenen Feierlichkeiten zur 1000-Jahr-Feier stattfinden.

Jedenfalls, der Botschafter hatte geladen, und alle kamen. Sicherlich fast alle der über 300 Deutschen, die in Hanoi stationiert sind, dazu viele Vertreter der anderen Botschaften, Vertreter der vietnamesischen Ministerien, aus der Wirtschaft usw.. Die Parade der Blumengebinde, mit denen Deutschland zum Jahrestag gratuleirt wurde, ging bis hinaus zur Strasse, im Garten stand man dicht gedrängt und lauschte den Reden: Der Botschafter, der vietnamesische Aussenminister, der hessische Vize-Ministerpräsident, der mal wieder mit großer Delegation in Vietnam war.

Dann kam der gemütliche Teil, die seit Reinhart Mey sprichwörtliche Schlacht am Kalten Buffet. Aber es gab genug, man musste sich nicht schlagen um Blumenkohl, Schweinshaxenschnitzel, Kartoffelsalat und andere deutsch anmutende Köstlichkeiten. Man traf alte und neue Bekannte, trank Bier und Wein und genoß den Abend.

Und man merkte erst gar nicht, dass der ungemütliche Teil schon begonnen hatte: Die noch halbvollen Teller, Schüsseln und Tabletts wurden abgetragen, der Ausschank erfolgte immer zurückhaltender. Man fragte sich noch, ob die Mövenpick Mannschaft an dem Abend noch einen zweiten Empfang zu versorgen hatte (oder ob sie einfach ihre Familien mit den Resten füttern wollten), da begann Stufe 2: Die Tische wurden zusammen geklappt und weg getragen. Ganz höflich um die zahlreichen noch stehenden Gäste herum. Draussen regnete es, was zumindest Motorradfahrer wie uns zum Bleiben motivierte, obwohl man sich inzwischen die Getränke schon in der Küche holen musste. Aber es war doch auch erst 21. 00 Uhr, der Abend hatte noch nicht wirklich angefangen!

Doch. Er hatte nicht nur angefangen, er war beendet! Seine Exzellenz persönlich ging durch die Räume, schaltete das Licht aus und stellte sich mit der ausgestreckten Hand an den Ausgang: "Auf Wiedersehen". Natürlich ist es das gute Recht eines Hausbewohners, zu entscheiden, wie lange er seine Gäste im Hause sehen will. Der übliche harte Kern, der nicht gehen will, ist bei vielen Parties gefürchtet.

Aber so nachdrücklich bin ich jedenfalls noch nie verabschiedet worden.

Gastfreundschaft auf Deutsch?

Freitag, 3. September 2010

Maids looking for jobs

Inzwischen geht es mir auf die Nerven!

Alle paar Tage kommt eine Mail über den Verteiler, dass jemand seine Maid empfiehlt, weil nach 1-3 Jahren super toller Tätigkeit für die Familie nunmehr die Heimreise ansteht, und die liebe Maid doch einen neuen Job braucht.

Wenn man sich mit Leuten unterhält, die noch nicht so weit sind, dann hört man eigentlich nur, wie wenig zuverlässig, geschickt in Arbeitsvermeidung, teilweise unverschämt diese Hausangestellten sind. Angesichts der Aussicht, in der Heimat ohne auskommen zu müssen, verklärt sich das Bild dann wohl etwas.

Fast schon wütend werde ich, wenn ich dnn die Verdiensterwartungen dieser Damen lese: 250.- Dollar im Monat, 13 mal pro Jahr, plus Tet-Geld und, und, und. Neulich schrieb jemand, seine Perle "verdiene" schon mindestens 350.-pro Monat.

Warum mich das stört? Weil ich meine Kollegen an der Hochschule kenne, die als Lecturer mit 3 Universitätsabschlüssen grade mal 150.- Dollar "verdienen", als Professor können sie dann auf 200.- kommen. Weil ich weiß, dass Ärzte im Krankenhaus auch froh sind, wenn sie ein Gehalt von 150.- Dollar bekommen, Krankenschwestern deutlich weniger. Weil ich weiß, dass die Krankenhäuser immer schlechter Personal finden, worunter die Versorgung ganzer Landsstriche leidet.

Dies stört mich deshalb, weil ich weiß, dass genau diese Expats,  die mit ihren neo-kolonialen Gehältern den Arbeitsmarkt kaputt machen (warum soll eine junge Frau als Kankenschwester arbeiten, wenn sie als Maid in Ciputra ein Vielfaches verdienen kann?), dann anschließend darüber herziehen, wie korrupt doch die Vietnamesen alle angeblich sind. Dabei versuchen die nur, ihren Lebensunterhalt als Staatsbedienstete durch Nebeneinnahmen dem anzugleichen, was die Ausländer ihren Putzfrauen bezahlen.


Man verseht auch nicht, warum das nötig ist. Ein Blick auf die aktuelle Seite des New Hanoian zeigt: Es gibt beliebig viele Stellengesuche.
Warum hier die Gesetze des Marktes nicht funktionieren, nach denen ein Überangebot die Preise senken müßte, verstehe ich nicht.


Es ist wohl einfach so, dass die Expats in ihrer eigenen Welt leben, in der das wirkliche Vietnam eher am Rande vorkommt. Jedenfalls haben sie sich von den geschäftstüchtigen Landeskindern in eine wirtschaftliche Märchenwelt verschleppen lassen, in der Märchenpreise für Traumleistungen anstandslos bezahlt werden. Das Motto "Ich werde doch mit dem Kindermädchen, dem ich mein Kind anvertraue, nicht über 50 Dollar verhandeln" ist einfach zum Glaubenssatz geworden.


Was nach alledem klar ist: Weil ich nicht bereit bin, einer Haushaltshilfe (die wir auch ganz gerne hätten, warum nicht?) mehr Lohn zu bezahlen, als mein eigenes Lokalgehalt ausmacht (wie das meiner Kollegen, denen gegenüber ich mich einfach genieren würde), werden wir unsere Zeit hier wohl ohne hilfreichen Geist überstehen müssen.


Schade eigentlich.

... und ernten die Früchte des Gartens ...

Das Angebot unseres Hanoier Gartens ist fokussiert auf – Kokosnüsse.
Gleich neben dem Tor steht die schlanke Kokospalme, ragt steil in die Höhe und hängt auf Höhe unserer Dachterrasse voller Nüsse. Kleine, die erst in einem Jahr reif werden wollen, große grüne, die bald fertig sind und braune, die zurzeit immer wieder gerne runter fallen. 
Das gibt dann einen heftigen Knall auf dem Fliesenboden unseres Hofes. Oder vorher ein klirrendes Scheppern, wenn erst eines der kleinen Vordächer unten getroffen wird, wieder ein Dachziegel der zertrümmert ist. Es ist nicht ganz ohne ernsten Beigeschmack, wenn wir Besuchern raten, nur mit Helm auf dem Kopf über unseren Hof zu laufen.

Damit die schlimmsten Schäden vermieden werden, kann man natürlich auch versuchen, diese unsere Gartenfrüchte zu ernten. 
Dazu muss man sie mittels einer langen Stange von der Dachterrasse aus durch mehr oder weniger heftige Stöße lösen und in den Abgrund befördern – möglichst ohne das Dach unten zu treffen und ohne dass sie jenseits der Mauer in der Gasse herunter kommen.
Dann hat man eine kleine Ernte, die man zur Weiterverarbeitung am Besten in die Küche bringt. Dort kann man bei „Aircon“ besser arbeiten.
 
Der erste Schritt: Mit der Bohrmaschine ein Loch.
Dann die Nuss umgedreht auf ein Glas und von oben (zwecks Luftzufuhr) das zweite Loch. Schon strömt die Kokosmilch heraus. Diese kann man nun, wenn man Lust hat, mit Eiswürfeln und etwas Zucker direkt genießen.
Um an das Fleisch zu kommen, spalte ich die Nuss mit einem eigens hier erworbenen Hackmesser und einigen heftigen Hammerschlägen. 
Die äußere Schale ist ja weiches Fasermaterial, aber innen drin ist die bekannte steinharte, braune Schale. Nun, wenn rohe Kräfte sinnlos walten, dann liegt die gespaltene Nuss bald vor einem.
Gestern habe ich das Fleisch rausgefummelt, mit der Kokosmilch im Mixer zu einem Brei gemahlen. Dieser Brei wird jetzt Grundlage des nächsten Wok-Kochens werden.
Es gibt noch etwa 6 braune Nüsse, dann werden wir erst wieder auf die nächste Ernte warten müssen. Die Grünen kann man zwar auch essen, aber der Saft schmeckt irgendwie unreif, und das Fleisch ist wenig und weich.

Dienstag, 31. August 2010

Ahnenopfer für Onkel Ho

Heute berichtet Vietnam News darüber, wie Premierminister Nguyen Tan Dung im Hồ Chí Minh Haus einige Weihrauchstäbchen am Opferschrein für den berühmten Revolutionsführer opfert.
Uns Westlern kommt es merkwürdig vor, wenn der bekannte und beliebte Kommunist Ho Chi Minh als Bác Ho quasi wie ein Heiliger verehrt wird. Die frühere Studentengeneration, die stundenlange Strassendemonstrationen in Deutschland mit "Ho!Ho!Ho Chi Minh!" bestreiten konnte, würde unweigerlich Magengrimmen bekommen, wenn Sie den Kopf ihres damaligen Idols als ebenbürtigen Nachbarn einer Buddha-Figur im Tempel sehen würde.

Da ist er, der hl. Bac Ho
 Aber für das moderne Vietnam gehört das zum völlig normalen Leben. Anlässlich des 65. Jahrestages der sog. Augustrevolution und des 41. der Veröffentlichung von Ho Chi Minhs Vermächtnis geht eben eine ganze Regierungsdelegation, mit dem PM an der Spitze, zum restaurierten Haus neben dem Mausoleum und drückt den Respekt und die Dankbarkeit des Vietnamesischen Volkes für die Beiträge des verstorbenen Präsidenten zu Befreiung und Aufbau der Nation aus. Er wird als Mann der Kultur und als Held gepriesen, der Vietnam in den Augen der Welt zum Leuchten brachte. (Wir Studenten sahen das damals dieses Leuchten sehr gut.)
Gleichzeitig zeigt der Vorgang, wie das grundsätzlich kommunistische Land voll in der alten religiösen Tradition steht. Geschichtlich hatten Konfuzianismus, Daoismus und der Buddhismus beträchtlichen Einfluss. Alle drei Lehren fanden in Giao Chi, wie die Chinesen damals die südlichste Provinz ihres Reiches nannten, im 1. Jahrhundert nach Christi Eingang und alle drei kamen aus China (bzw. der Buddhismus nahm den Weg über China). Konfuzianismus und Daoismus wurden im Rahmen einer angestrebten Assimilierungspolitik von chinesischen Gouverneuren, Präfekten und Mandarinen eifrig verbreitet, sollten sie doch helfen, Vietnam zum  festen Bestandteil des "Reiches der Mitte" zu machen. Für die weit überwiegende Landbevölkerung war dies aber kaum relevant. Ihre religiösen Vorstellungen wurden durch Animismus und Ahnenkult geprägt, wie man in unendlich vielen Geschichten, die etwa bei den Bergvölkern überliefert werden, immer wieder erlebt. Dort wimmelt es von guten und bösen Geistern, dort ist es entscheidend, die Ahnen freundlich zu stimmen, um selber in Frieden zu leben.
Diese Tradition lebt und ist allgegenwärtig. Jedes Haus hat seinen Hausaltar, jede Familie stellt dort regelmäßig Opfergaben auf, der älteste Sohn ist von besonderer Bedeutung fuer eine Familie, weil eigentlich nur er die Ahnenriten richtig vollziehen kann. 
Dies ist z.B. der Altar in meiner Mopedwerkstatt
An besonderen Festtagen wird auch in den Tempeln geopfert, nicht so sehr dem Buddha oder so, sondern mehr den eigenen Ahnen. Eine ganze Industrie lebt davon, dass sie Opfergaben produziert: Papiergeld, Papierhäuser, Papierpferde - alles eben, was die Ahnen in ihrem fortgesetzten Leben brauchen können (man lässt es ihnen zukommen, indem man es verbrennt.) Auch Nahrungsmittel werden geopfert: Man stellt das Essen oder die Früchte auf den Altar und zündet die Weihrauchstäbchen an. Und wenn sie abgebrannt sind, dann haben die Ahnen ihr Mahl beendet und laden die diesseitige Familie ein, nun ihrerseits die Reste zu genießen. So muss das köstliche Essen nicht umkommen. (Ob das in dem hier berichteten Fall auch so war, ist nicht mitgeteilt worden.)
In dieser Tradition, die durch die alten Staatsreligionen ebenso unbeeindruckt geblieben ist wie durch den Kommunismus, steht also der Besuch des PM am Hausaltar von Bác Ho, um dort Räucherstäbchen zu entzünden und Obst zu opfern, wie man auf dem Foto sieht.
Bei aller Modernität: Dieses Land ist seine Tradition. (Nur dieses Land?)

Montag, 30. August 2010

Schaffe, schaffe, Häusle baue ...

Vietnam baut.
Laut einer Wirtschaftsstatistik, die ich im Blatt des Goethe Instituts gefunden habe, sind Industrie- und Bauwirtschaft mit über 24 % am Wirtschaftswachstum beteiligt, bei einem Bruttoinlandsprodukt, das in den ersten 8 Monaten dieses Jahres wieder um 6,2% gegenüber 2009 gestiegen ist (Link)
Die erlebte Wirklichkeit bestätigt dies. Wenn ich am Morgen zu Arbeit fahre, dann komme ich alleine in unseren kleinen Gassen im Blumenviertel an vier Baustellen vorbei, wo alte Häuser abgerissen, neue gebaut werden. Der Platz ist natürlich knapp, und so ist manche Baustelle nur gefühlte 3 Meter breit.
Interessant ist es, die Bauweise der Fundamente zu beobachten. Erst wird eine Baugrube ausgehoben (dazu kann der Presslufthammer gerne auch mal 24/7 laufen) und unter Wasser gesetzt. Dann werden hunderte von grünen Bambusstäben in diesen weichen Untergrund geklopft, darauf kommt dann das Betonfundament, ganz normal mit Eisenarmierungen.
Diese Baustellen sind dann wirklich im Dauerbetrieb. Ich habe noch keine Tages-oder Nachtzeit erlebt, zu der da nicht gearbeitet worden wäre. Deshalb geht es ziemlich schnell mit dem Hochziehen eines Rohbaues.
Man beachte den "Wohncontainer" in Hintergrund, wo die Arbeiter schlafen.
Die Helden dieses Baubooms sind für mich aber die Transportarbeiter. Auf alten, klapprigen Transporträdern, direkten Abkömmlingen der legendären  „Iron Horses“, mit denen ganze Kanonen über den Ho Chi Minh Pfad transportiert wurden, wird erst säckeweise der Bauschutt aus dem Viertel heraus transportiert, dann kommen Sand, Kies, Zement, Ziegel und Baustahl auf dem gleichen Wege wieder rein. 

Es gibt eigentlich keine Tageszeit, zu der man diese tapferen Transportunternehmer nicht unterwegs antrifft. Auch nachts um 1.00 begegnen sie einem ohne Licht in den engen Gassen, oder beim Beladen ihrer Gefährte, wenn der Mini-LKW irgendwo auf einem Platz oder mitten auf der Strasse einen Haufen Baumaterial abgeladen hat. 
(Neulich bin ich volle Kanne in so einen Sandhaufen rein gerauscht, abends um 21.00 mitten auf der Doi Can - eine unserer großen Verbindungsstrassen hier. Der Haufen war so intelligent im Schatten eines Baumes angelegt, dass die spärliche Straßenbeleuchtung ihn eher unsichtbar machte. Aber frischer Sand garantiert nicht nur in der Leichtathletik eine weiche Landung…)
Vor wenigen Tagen war direkt bei uns gegenüber Betonnieren angesagt. Die Baustelle liegt am Ende eine Seitengasse, die mit einer Breite von etwa 1,30 von unserer Nebengasse abgeht. Am Ende stand wohl die Mischmaschine, die ich nur hören, aber nicht sehen konnte.
Aber sichtbar waren die Haufen an Sand, Kies usw. die fast jegliches Durchkommen in unserer Gasse blockierten. 
In einem echten Gewusel brachte ein Trupp von etwa 10 Männern und Frauen erst mit dem Iron Horse die gefüllten flachen Körbe bis zum Eingang der Gasse, dort wurde dann jeder Korb auf dem Kopf nach hinten getragen, und in den Mischer gekippt. 
Da der ununterbrochen gefüttert werden wollte, war natürlich in der vorgelagerten Logistikkette Stress im Quadrat.
Ja, und einer war dabei, der stand eigentlich nur rum, und kommandierte. Fürs Foto musste ich warten, bis er sich sein Hierarchiemerkmal aufgesetzt hatte. 
Der Chef eben, der, der den Hut auf hat.

Samstag, 21. August 2010

Döner beim Goethe

Kürzlich hatte unser Goethe-Institut zu einem Kammermusikabend geladen. (http://hanoigrapevine.com/2010/08/chamber-concert-at-goethe-institut/)

Ein klassisches Trio mit Klavier, Violine und Cello brachte Werke von Beethoven, Brahms, Bruch und Piazolla zu Gehör. Der kleine Saal des GI war gut gefüllt, hinter der 100 Sitzplätzen standen noch etwa 20 weitere Musikliebhaber. Nur sehr wenige Ausländer waren in dem heimischen Publikum auszumachen. Es ist eben noch Heimaturlaubszeit.

Die amerikanische Pianistin Anne Chamberlain und die beiden vietnamesischen Streicherinnen Nguyen My Huong und Nguyen Hong Anh gestalteten einen wunderschönen Abend. Unbeirrt durch Beifall zwischen den Beethovensätzen unterhielten sich die drei Instrumente auf das Schönste, wechselten sich ab in Leitmotiv und Begleitung, gaben jedem Part seinen individuellen Charakter. Mich hat am meisten der Bruch gefangen genommen: Adagio after Hebrew Melodies for Violloncello and Piano war einfach traumhaft schön.

Der Hallo-Effekt ergab sich nach dem Konzert, als wir wieder auf die Strasse kamen: Das „Kaffee Goethe“ hatte da einen Döner-Stand aufgebaut, ein armer Vietnamese schnitzte brav die Fleischstückchen vom Spieß, bei 30 Grad Abendtemperatur kein beneidenswerter Job. Obwohl wir, nach der Klimaanlagenunterkühlung im Saal froh waren, uns wieder etwas aufzuwärmen.

Die Döners erfreuten sich bei Konzertbesuchern und Passanten größter Beliebtheit, und auch wir konnten nicht widerstehen.

Nun, der Geschmack war nicht ganz so, wie in Kreuzberg, aber, um unseren Chorleiter hier nochmals zu zitieren: We´re getting there…

Dienstag, 17. August 2010

und jetzt singen wir also Mahler 8

Obwohl: Singen?  So kann man das eigentlich nicht nennen, was sich da derzeit jeden Montag Abend im Gebäude des VNOB an der Nui Truc abspielt.

Unser geduldiger Chorleiter Graham versucht zu beschwichtigen: „We are getting there“ ist seine Lieblingsklausel, wenn wir wieder einmal eine Stunde lang 5 Seiten geübt haben und das Ergebnis etwa dem entspricht, was unser Kater Bao-Tsi bei seinen nächtlichen Eskapaden von sich gibt. Oder „It`s very high“. Das bedeutet: Diese Passage ist an der Obergrenze der eigentlich über Euch angesiedelten Tonlage (also wenn wir Bässe das singen sollen, was sonst die Tenöre kaum schaffen. Gekniffen sind dabei die Soprane, oberhalb deren Tonlage es eigentlich nur noch die Töne gibt, mit denen man Fensterscheiben zum Platzen bringen kann). Natürlich schaffen wir diese hohen Töne nicht, aber „We`re getting there“. Dann kommt als Ermunterung noch: „It`s very difficult!“. Damit will er so ungefähr sagen: Die folgende Ansammlung von Noten erhebt nicht den Anspruch, das Ergebnis eines Schaffensprozesses zu sein, bei dem ein Komponist versucht hat, für das Ohr angenehme, schöne oder auch ausdrucksvolle Harmonien aufzuschreiben. Nein, es soll einfach genau so grauenhaft klingen, wie es aussieht. Oder was soll man sagen, wenn einer fünf Kreuze und drei B benötigt um seine dis-harmonischen Gelüste auszutoben?
Auf das Bild klicken, dann wird die Schönheit besser erkennbar
Nein, ich bin kein Bewunderer Mahlers geworden. Zumindest diese sog. Symphonie der Tausend erlebe ich (auch wenn ich mir eine gute Aufführung auf CD anhöre) bestenfalls als Experiment: „Wie schief, wie dissonant, wie abstoßend hässlich kann ich ein Musikstück machen, und trotzdem durch Lautstärke und Masse (an Menschen und Tönen) erreichen, dass die Leute glauben, es sei Musik?“ So ähnlich muss er sich das insgeheim gedacht haben, als er diese chaotischen Noten aufgeschrieben hat. Wenn man zwei Chöre einsetzt, deren 4 Stimmlagen noch in bis zu 3 Stimmen aufteilt (dazu einen Knabenchor, die üblichen Solisten und ein Großorchester), dann kann man zwanglos jede Note der Tonleiter zu jedem beliebigen Zeitpunkt einsetzen – durch die Halbtöne hat er aber sein Spektrum noch deutlich erweitert, und es ist eigentlich völlig egal, was man singt: Man findet kaum einen Ton, der nicht irgendwo in irgendeiner Stimme gerade an dieser Stelle auch passt. Manchmal (und zwar jeden Montag mindestens ein Mal) denke ich mir, wir sollten einfach 50 Kater einfangen, ihnen jeweils in unterschiedlicher Weise die Schwänze umdrehen, und die Aufführung wäre werkgetreu gerettet.

Warum tut man sich so was an? Nun erst mal: Irgendwelche japanischen Sponsoren haben dem japanischen Chorleiter eines anderen Chores Geld versprochen, und dieser hat, um auf die Tausend Stimmen zu kommen, alle Chöre in Hanoi gebeten, mit zu machen. (Graham alleine übt inzwischen schon mit 4 Chören.) Dann ist es sicher so, dass es für einen Chorleiter eine Herausforderung ist, seinen Chor zu dieser Vergewaltigung der Stimmbänder und des eigenen Gehörs zu motivieren. Oder „die Schwierigkeit zu meistern“, wie man das wohl umschreiben würde. Und schließlich ist es wohl die Faszination der Zahlen: Zur 1000-Jahr-Feier der Stadt Hanoi die „Symphonie der Tausend“ aufführen, das ist doch was, oder?

Was aber noch nicht erklärt, warum wir uns das jeden Montag Abend antun? Richtig. Das weiß ich eigentlich selber nicht. Pflichtbewusstsein? Masochismus? Die Faszination des Grauens? Die Feigheit, zuzugeben, dass man dies nicht als Musik empfindet (und sich so als Kulturbanause zu outen)? Wahrscheinlich eine Komposition aller dieser Motive.

Wobei ich die Feigheit hiermit überwunden habe.

Donnerstag, 12. August 2010

Kleine Hindernisse

Wir wohnen ja an einer unnummerierten Seitengasse der Gasse 63 der Seitenstrasse 173 der Strasse Hoang Hoa Tham. Mein Weg zur Arbeit am morgen führt also zwangsläufig durch die berühmten vietnamesisch-engen Gassen. Das hatte ich schon im Video gezeigt.
Unsere Gasse 63 war bis Weihnachten durch einen Strommast versperrt, der zumindest für Autos die Durchfahrt unmöglich machte. Dieser Mast wurde dann entfernt, mit tagelangen Stromausfällen. Nun können die Autos und die kleinen Minitrucks durch - jedenfalls theoretisch.
Was nicht gelöst wurde, ist das Problem der Durchfahrtshöhe, und dies führte heute Morgen zu einer gewissen Behinderung.
Die allgegenwärtigen Stromkabel (die nur an den Hauptstrassen jetzt unter die Erde verbannt werden) hängen in den Seitenstrassen oft so tief, dass wir uns beim Rollerfahren bücken müssen, um nicht mit dem Helm hängen zu bleiben.
Hier hatte der Umzugslaster nun ein kleines Problem, was aber mittels der Bambusstange schnell keines mehr war.
Immer wieder liegen auch abgerissene Leitungen am Boden, aber diesmal ist alles gut gegangen.

Mittwoch, 11. August 2010

Etwas Kultur mal wieder

... haben wir uns gedacht. Unser Chorleiter Graham hatte am Montag darauf hingewiesen, dass Orchester und Solisten der Oper (und anderer Opern) zum Abschluss eines Gesangsseminars mit zwei Lehrern aus Europa ein kleines Konzert gäben: Auszüge aus der Hochzeit des Figaro, konzertant aber mit Kostümen.
Nun, dachten wir, warum nicht. Aber wir dachten es ziemlich spät, nachmittags um vier. Tickets sollte man bei einem Online-Ticketanbieter bestellen, hatte er gesagt. Dieser war auch schnell gefunden, das Konzert angeklickt, Preisklasse ausgewählt, Adresse eingegeben - und Klick, abgeschickt. Angeblich sollten die Tickets nach Hause gebracht werden, wenn man mindestens 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung bestellte.
Aber was nicht kam, waren natürlich die Tickets. Um 6.00 fingen wir an, nervös zu werden. Sollte man sich nun in Schale werfen oder nicht? Die Telefonnummern auf der Website des Ticketdienstes: Fehlanzeige, "diese Nummer existiert nicht". Doch die Mobilnummer existiert im dritten Anlauf: Wo denn unsere Tickets bleiben frage ich. "Oh, I'm so sorry, we did not check our email today." Toller Service! Aber kein Problem, meint der nette Mann, die Tickets würden an der Kasse für uns hinterlegt. Nun denn, Vietnamesische Organisation halt.
Schnell in die schicken Klamotten (bei noch immer 30 Grad braucht man nicht so viel) und Hop auf den Roller.
Als wir im dicksten Verkehr sind, klingelt das Handy: Der Ticketmensch. Wo wir den bleiben? Mittlerweile waren es noch 20 Minuten bis zum Beginn.
Wir haben es noch rechtzeitig geschafft, und einen sehr netten Abend in der ehrwürdigen Oper verbracht (sie wird 2012 ihren hundertsten Geburtstag feiern). 

Unsere vietnamesischen "Kolleginnen und Kollegen" von den gemeinsamen Aufführungen hatten wirklich sehr tüchtig die italienischen Texte gelernt, kamen (meist) gut mit dem von Graham angeschlagenen hohen Tempo zurecht. Und gute Stimmen haben sie sowieso. Also ein lohnender Abend!

Aber was war das, als wir raus kamen? Es regnete!
Als gute Hanoier konnte uns das natürlich nicht verdrießen.

Regenmantel über den feinen Zwirn, und ab gings, durch die abendliche Stadt.
Nichts besonders also, einfach mal ein Abend in unserem Leben in Hanoi.