Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Drama Ablatio Retinae - dritter Akt


Dienstag:
Wie vereinbart finden wir uns um 7.30 früh in der Klinik ein. Der Doktor kommt kurz darauf. Ein Blick in mein Auge - blankes Entsetzen in seinem Gesicht: „You have an infection in your eye! We cannot operate!“ In der Tat hat das Auge in der Nacht ziemlich weh getan und ist am Morgen dunkel rot. Gleichzeitig ist aber der dunkle Fleck deutlich größer geworden, es wird immer dringender, dass operiert wird wenn ich mein Auge erhalten will. Entsprechend deutlich reagiere ich, was dem Arzt echt peinlich ist. Eine Ärztekonferenz wird zusammengerufen, der Direktor kommt persönlich. Er ist der erste Arzt, der wenigstens nach der Untersuchung seine Hände mit dem bereitstehenden Sterilium säubert. Es könnte auch nur eine Bindehautentzündung sein, oder eine Allergie auf die Spritze gestern, so meint er die Wogen glätten zu müssen. Warten wir bis heute Nachmittag. Erleichtert und etwas peinlich lächelt oder lacht die versammelte Ärzteschar. Ich verliere die Geduld (und aus vietnamesischer Sicht wohl mein Gesicht). Ein Bett in der VIP-Station soll mich beruhigen. „Just calm down please.“
Schon während der Wartezeiten haben wir eine hektische Telefonaktivität gestartet. Die Kolleginnen vom GIZ Büro haben in Deutschland angerufen, haben ärztliche Meinungen eingeholt, dass Fliegen doch nicht so gefährlich sein soll, haben auch festgestellt, dass es erst am Donnerstag einen Nonstop-Flug gibt. Das ist aber das Einzige, was ich meinem Auge zumuten will. Der Rückholdienst unserer Krankenversicherung meldet sich, stellt aber die Tätigkeit ein als ich erwähne, dass die Kasse mein Auge nicht versichert hat. Ich bin also in jeder Hinsicht Selbstzahler.
Am Nachmittag nochmals Treffen mit dem Arzt. Er berichtet, dass auch unsere Hochschule sich intensiv per Telefon eingeschaltet hat. Ich hatte ja auch den Dean angerufen. Trotz alledem bleibt er dabei: Nach seiner Meinung liegt eine Krankenhausinfektion vor, die ihm jegliche Operationstätigkeit unmöglich macht. Ich soll so schnell wie möglich nach Deutschland fliegen, meint er. Das sei weniger gefährlich für mein Auge als eine Operation in seinem Krankenhaus.
Bis heute wissen wir nicht, was genau los war. War es wirklich eine Infektion, war er traurig und unzufrieden, mich nicht operieren zu können? Oder war es eine vorgetäuschte Infektion, weil er Angst hatte, mich an meinem einzigen Auge mit einer Komplikation operieren zu müssen? Wir werden es nie erfahren.
Jedenfalls fahren wir in höchster Unruhe und mit stärksten Antibiotika versehen heim und fangen an zu telefonieren. Leider ist in Deutschland Feiertag (Allerheiligen?) und manche Ärzte sind nicht zu erreichen. Aber der Medizinische Dienst der GIZ und mein Augenarzt in Groß Pankow bei Stendal machen mir Mut: In dieser Lage sei ein Flug zu verantworten, nach Singapur, Bangkok aber auch nach Deutschland.
Wir reservieren einen Flug nach Frankfurt für mich Donnerstag Abend.
Und ich liege eisern auf der linken Seite. Der schwarze Fleck entwickelt sich nur sehr langsam.

Mittwoch:
Elena düst mit Günter in die Stadt zu Geld und Ticket holen. Das GIZ Büro hatte es organisiert.
Und als es auch in Deutschland Tag geworden ist, läuft unser Telefon wieder heiß. Mein Professor in München beruhigt mich weiter: “Machens Eana koan Kopf mit dem Flieagn! Des is a Schmarrn! Schaugns dass her kemma!“ Klare Worte, die gut tun. Und wohin? „Da tät für mi bloss der Kirchhoff in Köln in Frage kemma. Soll I glei anrufen und sogn dass Sie kemma?“ Ja bitte, er soll. Köln ist auch logistisch gut: Mein Sohn Mischa wohnt dort, ganz in der Nähe der Klinik, er kann mich auch am Flughafen in Frankfurt abholen, und der ICE braucht nur eine Stunde.
Wir haben wieder einen Plan!
Und ich liege eisern weiter auf der Seite.

Donnerstag:
Wir haben noch die Idee gehabt, dass wir mich als medizinischen Notfall bei der Fluggesellschaft anmelden. Dann bekomme ich vielleicht einen Platz wo ich liegen kann. „Wheelchair Service“ heißt das bei denen. Der GIZ Fahrer Kim bringt uns diese Bestätigung nach Hause.
Ansonsten packt mir Elena den Koffer und organisiert das Taxi zum Flughafen. Sie wird noch einige Tage in Hanoi bleiben, um den Haushalt mit Kater BaoTsi für eine längere Abwesenheit vorzubereiten.
Ich liege.
Und ich bin dankbar für die Anrufe so vieler Freunde und Verwandter, die an mich denken.
Dann geht es los zum Flughafen. Elena begleitet mich im Taxi. Die Mädels beim Einchecken von Vietnam Airlines sind etwas verunsichert: Ich komme zu Fuß daher und will doch den Wheelchair Service? Aber es kommt ein netter junger Mann, der perfekt Deutsch spricht. Ihm erklären wir, dass ich vor allem liegen will, und außerdem mit verbundenen Augen reisen muss. Er reserviert mir in der letzten Reihe drei Plätze nebeneinander, führt mich persönlich durch die Kontrollen und ins Flugzeug. Ich habe tatsächlich drei Plätze und kann den gesamten Flug im Liegen verbringen. Als ich zum Essen kurz entschlossen meinen Augenverband hoch klappe, sind die Stewardessen etwas verwundert – aber so müssen sie mich wenigstens nicht füttern!

Freitag:
Der Flieger ist fast eine Stunde zu früh in Frankfurt. Aber alles klappt bestens: Mit Rollstuhl werde ich abgeholt, Mischa steht abholbereit am Ausgang. Und das Wichtigste: Das Auge hat offensichtlich keinen Schaden genommen. Ein vorsichtiger Kontrollblick sagt mir, dass der schwarze Fleck noch immer im Augenwinkel ist, etwas vergrößert aber noch weit von der Mitte entfernt. Die Macula, das Sehzentrum, ist also unversehrt geblieben. Ein Gebirge von Sorgen rumpelt von der Seele.
Gegen 8.30 erreichen wir die Universitätsaugenklinik in Köln, die ersten Untersuchungen beginnen bald. Erstaunlicherweise funktioniert in Deutschland sogar das Atropin. Als ich meine Leidensgeschichte, mit der angeblichen Infektion usw., berichte, ernte ich kaum Verständnis – in der Tat ist die Rötung verschwunden.
Gegen 11.00 begutachtet mich Professor Kirchhoff persönlich, schlägt die ambulante Operation vor. Eine Stunde später liege ich auf dem OP-Tisch, in einer knappen Stunde näht er seine „Cerclage“ um den Augapfel (der dadurch etwas zur „Augenbirne“ verformt wird), und um 15.00 wandere ich, an der Schulter meines Sohnes geführt, durch Köln-Lindenthal. Die Erleichterung, mit der ich in der WG-Wohnung ins Bett falle, ist unbeschreiblich.
Und mir fällt erst später auf, dass man in Deutschland völlig auf Antibiotika verzichtet. Vietnam ist weit weg.

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