Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Donnerstag, 19. April 2012

Xin Loi Con oder "Kontrollierte Geburten"


Vietnam ist bekannt dafür, dass es, mit wechselnder Intensität, eine Politik der Geburtenbegrenzung auf 1 bis maximal 2 Kinder verfolgt. Die Politik wurde in den 1960er Jahren eingeführt. Damals kamen auf eine Frau im Durchschnitt noch 4 Kinder. Aktuell liegt das Bevölkerungswachstum noch bei 1,054% (laut CIA Factbook), die Geburtenrate bei 16,83 pro 1000 Einwohner. Die strenge 2-Kindpolitik war etwa ab 2000 aufgehoben, 2008 wurde sie wieder eingeführt. Wer mehr als 2 Kinder hat, wird durch Geldstrafen (die bei der Landbevölkerung auch in Naturalien, etwa xx Sack Reis pro Kind, zu entrichten sind). Diese Politik besteht besteht noch heute und es gibt Berichte, dass etwa katholische Familien, die aus weltweit bekannten Gründen Probleme mit der Geburtenkontrolle haben, gerne bestraft werden. Siehe etwa http://www.christiantelegraph.com/issue6379.html.
Befragungen unter jüngeren und städtischen Vietnamesen ergeben im allgemeinen, dass die Bestrafung eher irrelevant ist. In einer Gesellschaft, in der beide Elternteile arbeiten müssen, möglichst in mehreren Jobs, stellt sich automatisch das Gefühl ein, dass man mehr als 2 Kinder ohnehin kaum verantworten und versorgen kann. Da kann es sich die Regierung sogar leisten, die Politik jetzt etwas zu mildern. Nach neuer Rechtslage sind drei Kinder unter bestimmten Bedingungen erlaubt, etwa wenn es ein erstes Kind aus einer anderen Ehe gibt. Nun wird aus Hanoi berichtet, dass die Familien grösser werden. Im ersten Quartal 2012 waren von 18.600 Neugeborenen bereits 1.456 dritte Kinder, im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 309 Geburten.

Die Geburtenbeschränkungspolitik hat traurige Folgen: Erst mal das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Jungen und Mädchen. Aus der Hälfte der 29 Stadtdistrikte von Hanoi wurde jetzt gemeldet, dass auf 100 geborene Mädchen durchschnittlich 155 neugeborene Jungen kamen. Auf das ganze Land gesehen ist es laut CIA Factbook noch nicht ganz so schlimm 112 zu 100 wird für 2011 berichtet. Das Traurige ist aber, dass dies keine zufällige Folge ist sondern das Ergebnis gezielter medizinischer Massnahmen. Nach einem Bericht aus dem Jahr 2010  betrug die Abtreibungsrate offiziell 58,2 abortiones pro 100 bekannte Geburten, mehr als 50%. Daraus hat man errechnet, dass jede Frau im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt 3,32 solche Eingriffe hat (wobei es hier keinerlei Fristenregelungen gibt). Die Einführung der Ultraschalldiagnostik und ihre Verfügbarkeit auch ausserhalb der Großstädte erweist so als Fluch, weil sie eine Selektion in Richtung männlicher Nachkommen ermöglicht.

Warum sind die kleinen Jungs so wichtig? Der Grund ist wohl im Glauben zu suchen. Zwar sind offiziell über 80% der Bevölkerung religionslos, aber es gibt kaum einen Haushalt, in dem nicht intensiv die Ahnenverehrung betrieben wird. Es gibt effektiv keinen Laden, keine Wohnung oder Werkstatt, keine private Immobilie ohne Ahnenaltar. Das ist wohl weder buddhistische noch konfuzianisches Erbteil, dass ist eher der alte animistische Bauernglaube dieser im Grund noch immer bäuerlichen Gesellschaft, der sich hier ausdrückt. Dieser Bauernglaube sagt auch, dass nur ein Sohn, eigentlich nur ein ältester Sohn, die Riten für das Wohlergehen der Ahnen richtig zelebrieren kann. Nur wenn der Sohn das Papierpferd, das Papierhaus oder die Papierfrau opfert, nur wenn er die Räucherstäbchen am Ahnenaltar anzündet um die Ahnen zum Genuss der dargebotenen Früchte, Zigarette, Schnäpse oder Plätzchen einzuladen, dann können die Ahnen diese Opfer richtig aufnehmen. Ergo: Wenn Du zu Lebzeiten keinen Sohn bekommst, dann musst Du im Jenseits darben! Dieser Glaube ist so stark, dass er alle modernen, logischen Überlegungen (Vietnam gilt heute als „implodierende Gesellschaft) hinwegfegt.

Eigene Friedhöfe für diese ungeborenen Kinder sind die Folge, „Xin Loi Con - Tut mir leid, Kind" ist die geläufige Redensart, um sich hier von einem Fetus zu verabschieden.
 

2 Kommentare:

  1. Hallo Bruder, jetzt verstehst Du vielleicht, warum ich seit mehr als 20 Jahren bei TERRE DES FEMMES für die Rechte von Frauen arbeite- Frauen wird sogar das Recht auf geboren werden verweigert. Die Zahlen sind schockierend. Aus China ist bekannt, dass der Frauenmangel dazu führt, das Frauen geraubt werden, dass mehrere Männer sich eine Frau teilen, es Frauenhandel gibt.
    In China kommen laut einer Studie der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften von 2010 auf 100 weibliche 116 männliche Babys –in einigen ländlichen Gebieten beträgt das Verhältnis sogar 100 zu 130. Im Jahr 2020 werden der Studie zufolge in China schätzungsweise 24 Millionen junge Frauen fehlen. Die Folgen dieser Art von Geburtenkontrolle sind für Frauen wie Männer negativ. Auch in Indien werden gezielt Mädchen abgetrieben, trotz Verboten. Insgesamt fehlen in Asien etwa 160 Millionen Frauen aufgrund selektiver Abtreibungen und Vernachlässigung weiblicher Babys.
    Danke für die Info über Vietnam!

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  2. Hi! Ja, diese Zahlen fand ich auch schlimm. Aber man muss eben immer wieder sehen, dass unsere Ethik nicht unbedingt die Ethik der Menschen hier ist.
    Ein "harmloses" Beispiel habe ich neulich in einer Klinik erzählt bekommen. Dort ist die sog. Sectio-Rate, also der Anteil der Kaiserschnittgeburten bei über 60%. In Deutschland meckert die Krankenkasse, wenn eine Klinik mehr als 20% hat.
    Auch dies ist eine für uns menschenverachtende Form von Geburtenplanung. Der Grund: Bestimmte Tage, Stunden und Minuten sind nach der chinesischen Astrologie besonders glückversprechend. Also müssen die Kinder halt in diesen Momenten geboren werden - koste es was es wolle.
    Damit will ich sagen: Humanität wird einfach anders verstanden als bei uns. Was bei uns eine Missachtung des Menschen ist, dass wird hier ganz anders gesehen - wobei man auch das Wohl dieses Menschen im Auge hat.

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