Es wird aus Vietnam immer wieder berichtet, dass die Krankenhäuser überfüllt seien, zwei und mehr Patienten müssten sich ein Bett teilen, vor allem in den Zentralkrankenhäusern. Wenn man aber durch die Häuser geht, wie ich jetzt in Tuy Hoa, dann sieht man das fast nie. Wie kommt das nur?
Eine mögliche Erklärung ist, dass die Krankenhausdirektoren mehr Betten aufstellen als sie laut Plan haben. Auch in Deutschland hatten wir viele Jahre lang erstaunliche Unterschiede zwischen den sog. aufgestellten Betten und den Planbetten. So kann man mehr Patienten unterbringen und den Planungsbehörden beweisen, welchen zusätzlichen Bedarf an Planbetten man hat. In Vietnam macht das Sinn, weil die Zahl der Planbetten noch immer die wesentliche Berechnungsgrundlage für die staatlichen Budgetzuschüsse ist (in Deutschland waren es die Investitionszuschüsse).
Eine andere Möglichkeit verbirgt sich hinter unterschiedlichen Zählweisen für die Tage der Behandlungsdauer. Man kann, je nach rechtlicher Vorgabe, die Tage der Aufnahme und der Entlassung als jeweils einen Tag zählen, oder nur zusammen als einen Tag. Letzteres ist in Deutschland die Vorschrift. Man geht davon aus, dass die meisten Patienten am Tag der Aufnahme und am Tag der Entlassung nur jeweils den halben Tag im Haus sind (was ja nicht unrealistisch ist). In Vietnam werden die beiden Tage jeweils als ganze Tage gezählt. Wenn also ein Patient am Montag ins Krankenhaus kommt und am Freitag entlassen wird, dann sind das in Deutschland 4 Behandlungstage, in Vietnam aber sind es 5. Diese sog. durchschnittliche Verweildauer ist also ein echtes Politikum.
Lasst uns das mal am praktischen Beispiel studieren:
Die obigen Angaben entsprechen in etwa den Zahlen unseres Krankenhauses in Tuy Hoa. Es hat tatsächlich eine Auslastung von 120% angegeben. In (aus deutscher Sicht) realen Zahlen entspricht das bei gleicher Patientenzahl 105% Auslastung. Je niedriger die Behandlungsdauer ist, um so größer ist diese Diskrepanz.
Natürlich ist 105% noch immer hoch. In Deutschland spricht man bei 85% im Jahresdurchschnitt von Vollauslastung (etwa wegen der Notwendigkeit, Männlein und Weiblein zu trennen).
Trotzdem: Man muss nur noch ganz wenige „schwarze Betten“ zusätzlich aufstellen, und schon hat man 120%, ohne jemals mehrere Patienten ins Bett zu legen.
Das kann doch für einen vietnamesischen Krankenhausdirektor kein Problem sein, oder?

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