Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Was ist das eigentlich: Public Health?

Ich muss ja zugeben, dass ich nun schon seit einem Jahr an einer Hochschule für Public Health arbeite. Aber wann immer mir jemand aus Deutschland diese Frage stellte, kam mir einfach keine griffige Antwort, kein plastisches Beispiel in den Sinn. 
Jetzt hab ich eins. 
Im heutigen Seminar über Agent Orange (siehe auch Blog vorher) berichtete auch unser Epidemiology Department von einem Projekt im Zusammenhang mit Dioxin:
Der wichtigste "Hot Spot", der Ort mit den schlimmsten Belastungen, ist Bien Hoa, eine Stadt mit etwa 800.000 Einwohnern gut 30 km entfernt von Saigon/HCMC. (http://en.wikipedia.org/wiki/Bi%C3%AAn_H%C3%B2a). Hier war wohl das Zentrallager für die Fässer mit der orangenen Banderole, ein eigenes riesiges Lagergelände war neben dem Flugplatz eingerichtet.
Durch die verschiedensten Messungen von Boden-und Wasserproben, Proben aus Fischen, Geflügel, sonstigen landwirtschaftlichen Produkten weiß man Jahren, dass hier besondere Dioxinbelastungen vorliegen. Die große Zahl spezifischer Krankheitsbilder, vor allem beim Nervensystem (Beherrschung von Händen und Füßen) und die häufigen Fehlbildungen bei Neugeborenen machten schnell klar, dass es hier Handlungsbedarf gibt. Man spricht von über 13.000 Opfern nur in Bien Hoa.
Nun wird ja schon seit 1971 kein Agent Orange mehr versprüht. Das Lager existiert nicht mehr. Das bedeutet, die Menschen dort, bei denen man noch immer Rekordwerte von Dioxin im Blut und in der Muttermilch findet, nehmen das Gift über die Nahrungskette auf. Angesichts der langen Verweildauern und Halbwertszeiten kein Wunder.
Denn ein Ortstermin zeigt: Direkt um den Flugplatz herum, fast noch auf dem ehemaligen Lagergelände, leben zigtausende von Menschen. Sie betreiben Ackerbau und Viehzucht, als sei nichts gewesen, sie fischen mit großer Begeisterung die "catfish" aus den Teichen, in die das Regenwasser direkt vom Flughafen und vom früheren Lager hineinfließt.
Natürlich denkt man, besonders in einem stramm hierarchisch-kommunistisch organisierten Land, dies Problem müßte doch zu lösen sein! Einfach verbieten, und umsiedeln!
Aber gerade in diesem Land stellt man fest, dass genau dies nicht funktioniert. Wenn im Teich die Schilder das Fischen verbieten, dann denkt der brave Landmann nur: "Aha! Wieder so ein Reicher, die die Fische für sich haben will! Dann muss ich eben nachts fischen." Und ein Verbot von Landwirtschaft scheitert daran, dass die Menschen günstig gelegene Brachflächen einfach nicht zulassen können, weil eben alle nutzbaren Flächen auch genutzt werden. Verbote bewirken zudem hier in VN generell ziemlich wenig bzw. das Gegenteil. (Siehe Strassenverkehr.)
Unsere Public Health Spezialisten wollten das alles gar nicht glauben. Hatten die Menschen denn keine Ahnung, welchen Gefahren sie sich aussetzten? Nein, hatten sie nicht. Erste Umfragen bei der Lokalbevölkerung ergaben, dass in 2006, also 35 Jahre später, nur 5% etwas von Dioxin gehört, von der Rolle des Flughafens dabei eine Ahnung hatten. Ebenso wenig ausgeprägt war die Erkenntis, dass Krankheiten etwas damit zu tun haben konnten, woher die konsumierten Nahrungsmittel kamen. Und selbst wenn man es ihnen erklärte, blieb es über 60% egal. (Ist es nicht mit den Rauchern so ähnlich? Sie wissen es alle, wie schädlich es ist, aber es ist ihnen einfach egal.) 

Schon in andern Zusammenhängen haben wir gehört, dass die Vietnamesen Meister im Vergessen (oder Verdrängen?) sind. Alle diese schrecklichen Ereignisse, das ganze Leid, sind nicht mehr präsent - und hindern so auch nicht daran, etwa mit Amerikanern, auch ehemaligen Kriegsveretanen, relativ unbefangen und offen umzugehen.
Nun, bei dieser Unbildung setzte das Projekt an, und erarbeitete eine Vielzahl von leicht verständlichen Postern und Flyern, organisierte Informationsveranstaltungen und öffentlche Diskussionen, bildete Meinungsführer in den Gemeinden zu Schulungsbeauftragten und Informatoren aus. Jeder Haushalt hat jetzt ein Plakat in die Küche, auf dem erinnert wird, welche Nahrungsmittel man meiden sollte. Auch die sonstige Bevölkerung außerhalb der betroffenen Gemeinden wurde in mehreren Kampagnen aufgerufen, im eigenen Interesse keine Lebensmittel auf dem Markt zu kaufen, wenn sie aus den betroffenen Gemeinden kämen. 

Der Erfolg dieser Kampagnen bleibt abzuwarten. Das angeborene Interesse der Vietnamesen, gute Geschäfte zu machen, bestimmt sicher noch immer oft die Kaufentscheidung. Aber eine Kontrolluntersuchung ergab: etwa 30% der Bevölkerung gaben jetzt an, über Agent Orange, Dioxin und die Folgen informiert zu sein. Das ist zwar noch nicht 100%, aber doch eine Steigerung.
So gesehen, macht Public Health durchaus Sinn, finde ich.

1 Kommentar:

  1. Siegmund Freud hat einmal versucht, alle Neurosen durch schlecht verdrängte Erlebnisse zu erklären. Ich glaube, dass das Verdrängen ein Überlebensmechanismus des Menschen ist. Die Fähigkeit, Dinge, die man nicht ändern kann, zu verdrängen, verschafft die Möglichkeit, unbeschwert weiter zu leben. Schlecht ist nur, wenn man vor dem Verdrängen gar nicht erst prüft, ob man den Mißstand beseitigen könnte.

    Jens Bahnsen

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