Arbeit an der Hochschule bildet. So stand das heutige Mittwochsseminar unter dem Thema Dioxin. Tatsächlich berichtete Prof. Arnold Schecter über seine nun mehr als 20 Jahre andauernde Arbeit als Spezialist für Dioxin in Vietnam und USA. Er sprach Englisch, und da konnte ich natürlich das Seminar nicht versäumen.
Das in dem berüchtigten „Agent Orange“ verwendete Dioxin, mit dem die Amerikaner 1962 bis 1971 versuchten, den Urwald vor allem im südlichen Vietnam durchsichtig zu bekommen um die Vietcong sichtbar zu machen, ist einer der giftigsten Stoffe, die es gibt.
Außer als Herbicid kommen Dioxine vor allem beim Verbrennen von Plastik und bei bestimmten chemischen Industrien vor.
Als Agent Orange in Vietnam zum Einsatz kam, wusste es noch keiner (oder kaum jemand): Das Zeug entlaubt nicht nur Bäume. Auf längere Sicht entleibt es Menschen, weil es – wissenschaftlich ausgedrückt – mit dem gehäuften Auftreten einer Vielzahl von Krankheiten „im Zusammenhang steht“ (so wie Rauchen im Zusammenhang mit Lungenkrebs steht). Unterschiedliche Krebserkrankungen, Störungen des Nervensystems, der Atmungsorgane, der Schwangerschaft, der frühkindlichen Entwicklung und des endokrinen Systems ebenso Fehlbildungen wie spina bifida treten deutlich vermehrt auf, wenn die Menschen höhere Konzentrationen von Dioxin im Körper haben. (Die ersten Anzeichen in Vietnam fand man in der Muttermilch, mit Konzentrationen die mehrere Tausend mal höher waren als das, was nach WHO toleriert werden kann.)
Heimtückischerweise ist Dioxin chemisch stabil. Es wird eigentlich nicht abgebaut, nur durch Verdünnung geht die Konzentration zurück. Beim Menschen dauert dies im Schnitt etwa 35 Jahre, bis die Vergiftung unter den schädlichen Schwellenwert fällt. Da hat das Gift viel Zeit, im Körper zu wirken.
Interessant war die Veranstaltung, weil im Publikum der Vertreter der „Agent Orange Victims“ Association saß. Er hörte aufmerksam zu, als berichtet wurde, wie die amerikanische „Veterans Association“ immer erfolgreicher für eine immer länger werdende Liste von Krankheiten die Anerkennung erreicht, dass diese auf Belastungen zurückzuführen sind, denen die amerikanischen Soldaten ausgesetzt waren, als sie in Vietnam mit Agent Orange hantierten. Wie gesagt, man kannte damals die Gefahr für die Menschen nicht und war beim umfüllen und lagern ziemlich sorglos. Für Vietnam wird gerade mal für fünf Krankheitsbilder der Zusammenhang anerkannt.
Besagter „Opfervertreter“ konnte nun die wissenschaftlich feine Unterscheidung nicht ganz nachvollziehen: Wenn Mediziner sagen, dass bestimmte Krankheiten mit bestimmten Wirkstoffen „im Zusammenhang stehen“, dann bedeutet das noch lange nicht, dass juristisch die Kausalität, also etwa: „Dioxinbelastung hat Herrn Phuong krank gemacht“, nachgewiesen ist. Und ohne Kausalität ist halt juristisch kaum ein Anspruch durchzusetzen.
Schließlich kommen weltweit viele Kinder mit spina bifida auf die Welt, auch ohne dass die Mutter unvorstellbar hohe Dioxinanteile im Blut hat, und ohne dass die väterlichen Samen Dioxin enthalten (was in bestimmten Gegenden in Vietnam der Fall ist). Es ist sogar so, dass auf die Bevölkerung insgesamt gesehen die Amerikaner mehr Dioxine im Blut haben als die Vietnamesen, jedenfalls im Durchschnitt.
Obwohl also Prof. Schecter sicher ein sehr gutes Beispiel dafür ist, wie die Amerikaner durch eine Vielzahl von guten Projekten mit vielen Millionen Dollar versuchen, ihre chemische Kriegsführung und deren unmenschliche Folgen ungeschehen zu machen: Als Kronzeuge im Schadensersatzprozess der Opfer ist er ungeeignet.
Weil er ganz konsequent streng wissenschaftlich denkt.
Aus dieser Sicht stellt er sogar die Frage, wer denn nun eigentlich ein „Agent Orange Victim“ sei? Jeder, bei dem erhöhte Dioxinkonzentrationen nachgewiesen werden – wenn er aus einer belasteten Gegend kommt? Oder erst jeder, bei dem bestimmte Krankheiten auftreten – wenn bei ihm und bei der Mutter/demVater auch erhöhte Konzentrationen an Dioxin nachgewiesen wurden, und diese aus einem belasteten Gebiet kommen? Und wenn man weiß, dass das Dioxin heute über die Nahrungskette aufgenommen wird: Gibt es nicht sogar eine Mitverursachung, wenn die Eltern versäumt haben, durch gezielte Wahl der Nahrung die Belastung zu vermeiden?
Schließlich kennt man ja die „Hot Spots“, es sind die früheren US-Flugbasen in Bien Hoa, Da Nang und Phu Cat, wo die tausende Tonnen Agent Orange gelagert und umgefüllt wurden, und wo noch heute in Fischen, Enten und auch Gemüse hohe Konzentrationen von Dioxin zu finden sind. Dann sollte man halt auf dem Markt in Da Nang keine Enten mehr kaufen! (Das hat Prof. Schecter so natürlich nicht gesagt, das ist meine unwissenschaftlich-juristische Schlussfolgerung.)
Man hat übrigens in den 80er Jahren mal in amerikanischen Supermärkten Lebensmittel aus Vietnam getestet. Sie enthielten weniger Dioxine als die Produkte vom Inlandsmarkt!

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