Nach über 18 Stunden Reise (noch mal mache ich das nicht, dass ich mit Malaysia Airlines über Kuala Lumpur fliege, mit 4 Stunden Aufenthalt) lande ich auf dem Flughafen von Hanoi. Gepäck bleibt ohne Kontrolle, Passkontrolle ist problemlos. Am Ausgang blicke ich mich suchend um nach dem angekündigten Abholer von der HSPH. Niemand da? Endlich kommt er von einem anderen Eingang, und bei strömendem Regen fahren wir im klimatisierten Dienstwagen in Richtung Hanoi. Die drei Schritte zum Auto machen schon klar: Hier ist es heiß und schwül! Mr. Duc, der mich abgeholt hat, ist wohl aus der Verwaltung der HSPH und fragt, ob ich auch französisch spreche. Eigentlich ist er nicht so alt, dass er die Franzosen noch erlebt haben kann, aber ich versuche, ihm den Gefallen zu tun.
Unterwegs die ersten Eindrücke bestätigen die Bilder, die man im Kopf hat über den Verkehr, bis hin zu den 8 armen Ferkeln, die als handliche Päckchen verschnürt hinten auf einem Moped transportiert werden. Meine Begleiter helfen mir gleich, eine SIM-Karte zu kaufen, damit ich in Vietnam ordnungsgemäß erreichbar bin, die nötigen Dong hatte ich mir schon am Flughafen besorgt. Der Fahrer ist gut informiert und bringt mich direkt zu Gottfrieds Haus – ein CIM-Kollege, der mir während seines Deutschlandurlaubs sein Haus zur Verfügung gestellt hat. Seine Haushälterin, Frau Lan, begrüßt an der Tür. Sie hat wunderschöne Blumensträuße aufgestellt und einen köstlichen Obstsalat zur Begrüßung gemacht. Dann geht sie mit mir einkaufen. Anschließend falle ich ins Bett, weil ich morgen gleich mal zum GTZ-Büro und zur HSPH will: Um 15.00 (am Freitag!) werde ich dort erwartet, hat Monsieur Duc gesagt.
Bisher habe ich immer versucht, mich in eine neue Stadt einzufühlen, indem ich erst mal die Wege zu Fuß mache. So will ich es auch am nächsten Morgen halten, ich mache mich, ganz langsam (um nicht zu sehr zu schwitzen) auf den Weg. Standhaft lehne ich alle Mitfahrangebote der Xe Om ab (Fahrzeug mit Umarmung, Moped-Taxi) und bin nach 10 Minuten durch und durch nass. Die Temperatur und vor allem die Luftfeuchtigkeit rufen einfach den Effekt Dampfbad hervor. Erste Fotos mache ich trotz grauem Himmel. Die Stadt ist sauber, der Verkehr „sehr lebendig“, die Bürgersteige oft von Händlern und abgestellten Motorrädern etc. vollgestellt. Erstaunlich sind die Mengen an elektrischen (oder Telefon?)-Leitungen, die entlang den Strassen herumhängen – oft so tief, dass ich mich bücken muß. Als es dann noch anfängt, zu regnen, gebe ich auf und nehme ein Taxi. Ich wäre sonst auch zu spät gekommen, weil die Wege doch weiter sind, als ich dachte. Bei der GTZ werde ich sehr nett begrüßt und mit Infos versorgt, bei der HSPH erwartet mich das fast vollständige Department unter Führung von Prof. Thuong, es geht aber nur ums Begrüßen. Eine Kollegin zeigt mir noch eine Website, auf der man massenhaft Mietangebote finden kann, weil ich die Haussuche als mein wichtigstes Projekt vorgestellt habe. Leider sind die Anzeigen auf Vietnamesisch und meist für Wohnungen. „Warum willst Du den unbedingt ein Haus?“ werde ich gefragt, „Wohnungen sind doch viel praktischer!“
Noch am Nachmittag habe ich mit verschiedenen Maklern per Email und SMS Kontakt aufgenommen, und am nächsten Tag um 9.00 beginnt die Suche mit dem ersten Treffen. Die kleine Maklerin Hoa nimmt mich ganz mutig hinten auf ihren Motorroller und ab geht es.
An den kommenden 3-4 Tagen mache ich dann kaum etwas anderes, als mit dem einen oder anderen Makler Häuser zu besichtigen. Schnell stellt sich heraus: Es gibt die sog. „Houses“ – Stadthäuser die alle fast ähnlich strukturiert sind: Ganz schmal, relativ tief und hoch, im EG meist Küche, Essen, Wohnen und Mopedgarage kombiniert in einem mehr oder weniger offenen Raum, dann in den oberen 2-3 Stockwerken die (Schlaf)zimmer, oft jeweils mit eigenem Bad, ganz oben manchmal ein Hobbyraum, meist ein Wäscheraum und oft eine offene Terrasse. Wenn zu dieser Grundausstattung noch etwas Grundstück kommt („Garten“ mit 20m²) dann wird es schon etwas teurer. Die Angabe ist normalerweise in m² Grundfläche mal Anzahl der Stockwerke. Daraus kann man sich die Wohnfläche errechnen, die dann meist erstaunlich groß ist. Dann gibt es noch, deutlich seltener und deutlich teurer, die sog. „Villas“. Das sind dann alleinstehende Häuser (oft trotzdem mit etwa 1 Meter Abstand zu den Nachbarhäusern) mit etwas Garten.
Die Makler versuchen mich auch immer wieder zu Besuchen von Häusern am sog. West Lake zu überreden, wohl weil dort das Angebot größer ist als in der Stadt und weil dort viele Ausländer leben. Aber wir haben uns in den Kopf gesetzt, in der Nähe meines Büros wohnen zu wollen, das heißt es kommen nur zwei Stadtteile in Frage: Ba Dinh (wo auch Gottfrieds Haus ist), oder Dong Da. Der letztere ist bei den Angeboten wenig vertreten, so konzentriert sich die Suche immer mehr auf den Bereich um die Doi Can Street und die Hoang Hoa Tham Street (kann man bei GoogleMaps nachschauen).
Bereits das erste Haus, das ich sehen habe, war eine „Villa“ die uns gut gefallen hat (Ich mache viele Fotos, und am Abend besprechen wir dann alles genau mit Elena, die ja noch in Deutschland ist.) Alle Besichtigungen von „Houses“ können mich danach nicht mehr wirklich überzeugen: Die Nachbarn sind hautnah, die Strassen of sehr schmal. also auch von Gegenüber lebt man mit den Nachbarn in unfreiwilliger Symbiose. Aber an größere Strassen wollen wir nicht, damit der Verkehrslärm nicht zu heftig wird. So konzentriert sich die Entscheidung schließlich auf zwei „Villas“, es beginnt der Prozess des Preise Feilschens. Auch dies übernehmen übrigens die Makler, obwohl sie eigentlich vom Vermieter bezahlt werden. („It is all free for you“ wird immer wieder versichert.)
Bei diesen Fahrten, hinten auf einem Xe Om oder hinten beim Makler auf dem Motorroller, habe ich natürlich ausreichend Gelegenheit, den Verkehr zu studieren. Im Ergebnis: Ich finde es lustig, wie hier gefahren wird, obwohl oder weil die Regeln, die es sicher gibt, nur eher aus Versehen eingehalten werden (außer den roten Ampeln die doch bei der Mehrheit meist zum Stillstand führen). Aber es funktioniert, weil eigentlich ziemlich langsam, unaufgeregt und nicht aggressiv gefahren wird, und weil niemand rechthaberisch auf irgendetwas beharrt. Man muss natürlich sehr aufmerksam und sehr flexibel sein. Und man hupt die ganze Zeit kurz, einfach nur um auf sich aufmerksam zu machen (Laut Gesetz muß man aber auch vor jedem Überholvorgang durch kurzes Hupsignal um Erlaubnis bitten! Deshalb unser Wunsch, an einer möglichst kleinen Gasse zu leben.) Nun bisher erlebe ich das nur als Beifahrer, ein eigenes Zweirad ist noch im Planung. Der eigene Helm ist allerdings schon ausgiebig zum Einsatz gekommen, weil ich doch keine ganz große Lust hatte, die Leihhelme aufzusetzen, die von den Xe Om Fahrern immer angeboten werden. Und die Helmpflicht wird wirklich ernst genommen!
Bei diesen Fahrten habe ich natürlich auch die unglaublichsten Marktstrassen ebenso gesehen wie die idyllischen Alleen, die Seen und Parks. Aber ich habe mir einfach nicht die Zeit genommen, mit dem Sightseeing zu beginnen. Eigentlich will ich damit auch warten, bis wir es mit Elena gemeinsam machen können. So überwiegt in meinem Kopf vorerst das Bild der geschäftigen, überfüllten und übersprudelnden größeren und kleineren Geschäftsstraßen.
Ach ja! Seit Montag arbeite ich ja auch noch! Das heißt in Wirklichkeit seit Dienstag, weil es am Montag sinflutartige Regenfälle gab, so daß Thanh mich anrief um mir zu sagen, dass ich zu Hause bleiben solle. Es stehe "alles" (vermutlich der Parkplatz) unter Wasser. Also arbeite ich erst seit Dienstag. Hinter dem Sitzungszimmer ist ein kleiner Büroraum mit zwei Schreibtischen, einer davon wird mir zugewiesen, so wie es in den mit CIM vereinbarten Arbeitsbedingungen steht. Damit scheine ich der Einzige in der Abteilung zu sein, der einen eigenen Arbeitsplatz hat. Auch der Professor schneit nur immer mal kurz herein, setzt sich an irgendeinen PC um etwas zu schreiben und verschwindet wieder. Die meisten Kollegen haben ihre Laptops und arbeiten am Sitzungstisch, wenn sie da sind. Was nicht oft der Fall ist, weil sie alle, wegen des schlechten Gehalts, noch ein oder zwei weitere Jobs haben. So jedenfalls erklärt es mir mein Counterpart, Thanh. Und die Praktikantin My, die mir auch mit der Analys von Online-Anzeigen hilft, klärt mich über den offiziellen Tagesablauf auf: Möglichst so gegen 8.00 kommen, von 11.30 bis 14.00 Mittag machen (auch sie fährt dazu nach Hause „um sich auszuruhen“), dann wieder Arbeiten bis 17.00 oder 17.30. Dies, an fünf Tagen, ergebe ja dann so ungefähr die vereinbarten 40 Stunden …)
Es ist aber durchaus nicht so, dass es nichts zu tun gäbe. Prof. Tuan hat mir gleich drei Arbeitsaufträge gegeben, darüber hinaus kommt an einem Nachmittag die stellvertretende Gesundheitsministerin zu Besuch um sich an zu hören, was denn so geplant sei. Ich wurde vorgestellt, sonst verlief das Gespräch auf Vietnamesisch. Soweit ich verstanden habe, geht es vor allem darum, wie welches Qualitätsmanage- mentsystem in den Krankenhäusern eingeführt werden soll.
Am Donnerstag Abend ist es dann so weit, ich fahre noch mal zu der Villa, die mir am besten gefallen hatte (mit schönem Garten mit eigener Kokospalme und vor allem eigenem Swimmingpool!) und mit einigen Bierchen werden die Preisverhandlungen zufriedenstellend abgeschlossen (der Markt ist im Moment sehr mieterfreundlich), ich habe mit Mr. Tuan den Mietabschluss besiegelt! Ab Anfang August steht uns das schöne Haus zur Verfügung! (Ein Problem habe ich uns damit eingehandelt: Die Gassen in der ehemaligen Flower Village Ngoc Ha sind besonders eng, für unseren Hausrat wird es also sehr schwierig werden, dort hin zu kommen. Aber das Problem verschieben wir mal auf den nächsten Monat!).
Gleich zu lösen ist nur noch eins: Ich brauche 1600.-$ als Deposit, habe aber nur 1300. Ein Versuch, bei der Zentralen Vietcom-Bank meine unendlichen Dong, die ich aus jedem Geldautomaten ziehen kann, in Dollar umzutauschen, ist gescheitert. Die nette Dame am Schalter meinte, sie dürfte das nicht, ich solle es doch auf dem Schwarzmarkt versuchen.
Es bleibt also ein Grund wieder in die Stadt zu fahren, obwohl es mal wieder richtig heiß ist: 35°, aber nur 60% Luftfeuchtigkeit.
PS: Einige weitere Bilder gibt es noch hier, vor allem die vielen schönen Häuser.



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