Unser erster Kontakt mit der Kultur der Champa oder Cham In Vietnam war, als wir Anfang 2010 zu den Tet-Ferien nach Tuy Hoa geflüchtet waren. Dort steht über der Stadt ein riesiges Baudenkmal, der sog. Cham Tower, wir haben ihn natürlich besichtigt. Auf irgendwelche Besonderheiten der dort gepflegten Anbetung hatten wir nicht so sehr geachtet.
Aber wir hatten uns dann ziemlich über eine abendliche Tanzdarbietung im Ressort gewundert, die wir irgendwie gar nicht mit unserem Bild von vietnamesischen Volkstänzen in Einklang bringen konnten.
Etwas später waren wir von Hoi An aus mit Sascha in My Son gewesen, einer Ausgrabungsstätte, von der gesagt wird es sei Angkor Wat im Westentaschenformat.
Im April jetzt waren wir dann im richtigen Angkor, und natürlich überwältigt von den Zeugnissen dieser alten Kultur - der Khmer-Kultur.
Aber als ich die vielen Abbildungen von Tempeltänzern und Tänzerinnen sah, hatte ich die Darbietung damals in Tuy Hoa einfach vergessen.
Vor einigen Wochen waren wir nun auf den neu erbauten Cham-Tempel im sog. Ethnografischen Dorf bei Hoa Lac gestossen, und hatten kurz darauf gesehen, dass dieser Tempel jetzt “eingeweiht” werden sollte, wozu es ein Wochenende lang diverse Vorführungen der Cham Minoritäten geben solle - einer der 54 Minderheiten aus denen sich Vietnams Bevölkerung zusammensetzt. Am Samstag früh war erst eine “Weihe der jungen Cham- Mädchen” angekündigt, dann eine traditionelle Hochzeit.
Die Mädchen-Weihe war eine längere Veranstaltung, auf den Hof eines der dort aufgestelltem hölzernen Bauernhäuser, einige Besucher waren gekommen, eine Anzahl Damen
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| man beachte die Schuhe! |
saßen oder liefen in völlig unvietnamesischer Bekleidung herum. Die Wirtschaft mit Kochen unter freiem Himmel war denn aber doch ganz normal und landesüblich.
Die Zeremomie sah zunächst das kunstvolle Einkleiden der die drei Hauptpersonen vor.
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| Die Haare mussten künstlich verlängert werden, um einen möglichst hohen Knoten zu Stande zu bringen |
Ausser den drei "Mädchen" gab es noch zwei kleine Jungen, die ebenfalls auf eine Zeremonie warteten.
Gegenüber hatten drei ältere Herren in weissen Gewändern und Turbanartigen Kopfbedeckungen Platz genommen, Ihnen wurden erst mal die zeremomiellen Gabenteller hinüber in ihr Zelt gebracht.Danach folgte eine ausführliche Zeremonie mit diversen Rauchopfern,
der Kürzung der Haare um einige Strähnchen
Ausgiebige leise Gesänge in einer uns völlig unbekannten Sprache und gemurmelte Gebete gehörten natürlich auch dazu.
Dann gingen die frisch gebackenen Damen wieder in ihr Zelt und es wurde zum Essen aufgetischt.
Von hier wanderte der Trupp der Besucher (außer uns nur noch 2 Ausländerinnen) und vor allem der Filmteams zu einem anderen Haus in der Nähe, am Chamtempel vorbei. Auch der Bräutigam war unterwegs.
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| Na, wer ist wohl der Bräutigam? Natürlich der coole Typ mit der supercoolen Sonnenbrille |
Dieser blieb aber erst mal vor dem Haus, schickte einen Unterhändler, der in einem kurzen Palawer den vorgesehenen Hochzeitsring abgeben durfte. Die Braut wurde auch selbst gefragt, aber der Handschlag kam dann doch von einem Mann der Familie.
Dann kam die Bräutigamsfamilie nach einer kurzen Pause ins Haus, die Braut trat heraus, es gab wieder eine Zeremonie in einer uns unbekannten Sprache, es wurde gebetet und gesungen, dann durfte der Bräutigam mir der Auserwählten kurz ins Brautgemach, wo nochmals gebetet (und vor allem fotografiert) wurde.
Dann traten sie wieder in der Vorraum, es folgte der Dank an die Gäste und ein letztes gemeinsames Lied, von dessen Text wir nur immer wieder “Ho Chi Minh” aufschnappten. Anschließendes Posieren.
Vor dem Haus erklärte uns dann ein würdiger älterer Herr in relativ gutem Russsich, dies sei die öffentliche Wiederholung einer echten Hochzeit gewesen, die diese beiden Brautleute vor etwa einem Monat im südlichen Vietnam gefeiert hätten. Und ja, es sei eine muslimische Hochzeit gewesen, weil die Cham dort eben Muslime seien.
Nun wanderte der Trupp wieder zurück zum Hof mit der Mädchenfeier. Die Mädchen hatten sich inzwischen etwas aus der Festkleidung geschält, es wurde für alle Essen aufgetischt (eher aufgemattet, Tische sind dort ja relativ unbekannt.)
Danach kamen wir noch kurz mit einem der weiss gekleideten Turbanherren ins Gespräch (dank Dolmetscherin). Er erklärte uns, dass beide Familien, die hier ihre Feiern zum öffentlichen Spektakel gemacht hatten, in der Tat muslimische ("islamische", das Wort Muslim kannte er nicht) Cham aus Südvietnam seien. Allerdings gehörten sie zu unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen. Er selbst, mit seiner Familie sei Bani-Islam, die andere Familie gehöre zu einer malayisch-arabischen Richtung. (Uns war schon der arabische Kopfschmuck des Bräutigams aufgefallen.) Aber sie seien beide Cham und hätten als solche ihre eigene Sprache und Schrift. Die Schrift war uns schon im Museum aufgefallen, die fremdartige Sprache hatten wir auch wirklich in beiden Zereomien gehört.
Eine Dolmetscherin hatte die Worte ins Vietnamesische übertragen müssen.) Im übrigen erklärte er uns, dass die Mädchen diese Zeremonie nur im Bani-Islam benötigten, um zu heiratsfähigen Frauen erklärt zu werden. Traditionell müsse das noch vor der Geschlechtsreife geschehen, aber heute, wo der Staat die Ehe erst ab 18 erlaube, sehe man das nicht mehr so eng. Allerdings: Wenn eine Frau aus den anderen Familien in eine Bani-Islamfamilie einheiraten wolle, dann müsse sie dies noch nachholen.
Weiter erzählte er, er sei quasi hauptamtlich Schamane der Gruppe, als solcher bei allen diesen Zeremonien der Bani-Islam Cham wichtig, aber darüber hinaus sei er auch als Heiler tätig, müsse neu erbaute Häuser von Geistern befreien und so weiter. Auch sein Kopfschmuck weise ihn als Schamanen aus, weil er doppelt sei: Sowohl das männliche Käppi als auch das verschlungene Tuch der Frauen zierte sein Haupt, weil er beide Geschlechter in sich habe, das Männliche und das Weibliche, und beides als Schamane verkörpern könne. Auch dies war uns aufgefallen: In der Zeremonie vorher wurde immer wieder das Tuch abgenommen und dann für den nächsten Schritt wieder um den Kopf geschlungen. Erinnert das nicht an die Zeremonien in unserem Stadtteilstempel, wo wir ja auch bestimmte als Medium bezeichnete Personen gesehen hatten, die mal männliche, mal weibliche Gottheiten personifizierten?
Dieser und eine Menge anderer Gedanken wanderten auf der Heimfahrt im Hinterkopf herum. Cham als heute gelebte Kultur? Arabischer Isalm und Bani-Islam? Diese indisch anmutenden Trachten sowohl der einen als auch der anderen Familie, wie kommt das?
Erst mal wurde uns aber auf Vietnamesisch klar, dass der Sommer vorbei ist:
Daheim, mit Hilfe von Tante Google waren bald einige Aufsätze von Ethnologen gefunden, die allerdings manchmal sehr unterschiedliche Erklärungen gerade zum Bani-Islam abgeben. Zusammengefasst habe ich es so verstanden:
Die Cham sind eine alte Volksgruppe Südostasiens. Ihre Sprache nach kamen sie als Seefahrer aus dem polynesisch-australischen Raum, vermutlich über Malaysia, nach Indochina. Eine erste Blüte hatten sie ab etwa 445, als ein Indraprua genannter Staat auf heute vietnamesischem Gebiet gegründet wurde. My Son stammt aus dieser Zeit und man hat dort einiges Material über diese frühe Kultur gefunden, etwa Steintafeln aus denen man die Sprache und die Schrift ableiten kann. Die Könige führten den Shiva-Kult ein, kämpften mit wechselndem Erfolg gegen die Vietnamesen (die ab dem 10. Jahrhundert von den Chinesen unabhängig geworden waren und sich nach Süden ausweiten wollten) sowie gegen die Khmer im heutigen Kambodscha.
Mit der Khmer-Königen von Angkor war man manchmal verbündet, häufiger bekriegte man sich. Letztlich gewannen die Vietnamesen 1470 ff die Oberhand auch im Mekong Delta, die Cham wurden bedeutungslos, viele flohen in die Nachbarländer Laos, Kambodscha und Thailand. In Kambodscha heißt heute eine große Provinz deshalb Kâmpóng Cham.
Religiös-kulturell waren die Cham offensichtlich stark von Indien geprägt, später war das Khmer-Reich dominierend. Dies erklärt auch die Ähnlichkeiten mit der Kultur der Khmer in Kambodscha. Hier wie dort hielt das Sanskrit als Schrift Einzug, hier wie dort wurde zwischen Shiva-Verehrung/Hinduismus und Buddhismus gewechselt, auch eigene Mischformen entwickelt. Der von uns so verwundert aufgenommene “Volkstanz” in Tuy Hoa könnte also eine späte Cham-Nachempfindung der Apsaras von Angkor gewesen sein.
Heute soll es in Vietnam etwa 150.000 Cham geben, dazu 500.000 sog. Berg-Cham, die eine andere Kultur aber die gleiche Sprache haben. Weiteere Volksgruppen leben in den Nachbarländern. Insgesamt bis zu 2 Millionen Cham soll es weltweit geben, ein World Council of Champa in Schweden will sie vertreten.
Und wie, Cham, habt Ihr’s mit der Religion?
Soweit bekannt, begann der Islam Fuss zu fassen, als die Herrschaft der Champa-Könige zu Ende ging, die ja, als gute Hinduisten, Göttergleich waren. Erste Erwähnungen aus dem 11. Jahrhundert berichten, die Cham hätter Wasserbüffel geopfert und dazu Allahu Akbar gerufen, eine schon damals eigenwillige Rezeption des Islam? Heute sollen etwa 80 % der Cham in Vietnam und Kambodscha Muslime sein, 20% etwa sind noch immer hinduistisch, Ba La Mon Cham genannt. Die Muslime aber sind ihrerseits zu zwei Gruppen gehörig. Die eine, eher der klassischen Sunnitischen Richtung zugehörig, ist im Süden Vietnams konzentriert und hat enge Verbindung sowohl zum Malayischen Isalm als auch zu den arabischen Sunniten. Wallfahrten nach Mekka, täglich 5-maliges Gebet in Richtung Mekka, der Koran und die Moscheen zeugen von einem relativ normalen Islam, der allerdings nach unserer Beobachtung bei der Hochzeit doch deutlich unverkrampfter daher kommt als in den Ursprungsländern. Die Frauen sind offen, frei und selbstbewusst, vielleicht auch weil die Cham traditionell eine matrimoniale Gesellschaft gewesen sein sollen. Nun, auch unser Bräutigam zog ins Haus der Schwiegereltern. Die andere muslimische Gruppierung, zu der nun auch unser Schamane gehörte, nennt sich Bani-Islam. Sie haben ebenfalls Moscheen in ihren Dörfern, beten zum “Po Auloah” genannten Allah, kennen auch die Engel und Heiligen des orthodoxen Isalm. Aber sie haben eine stark verkürzten Koran (nur Suren 96 - 114)und geben neben Mohammed auch dessen Tochter Fathima sowie ihren Mann Neffen Ali eine besondere Bedeutung. Inhaltlich vermischen sich offensichtlich hinduistische und sogar animistische Elemente (die in Vietnam, mit seinem Ahnenkult, ja nirgends fehlen) sodass sich ein Schamane ganz ungezwungen als Teil des islamischen Klerus verstehen kann. (Wobei man ja nicht ganz sicher sein kann, ob dies wirklich das Wort war, das er verwendete, er wurde ja dann vom Vietnamesischen ind Englische und von dort ins Deutsche übersetzt.)
Es ist auch insofern eine Art “Islam light”, als die Normalbevölkerung sich als religiöse Laien aus den vielen muslimischen Religionspflichten weitgehend heraus halten können. Diese werden gewissermaßen an den Klerus delegiert, eine Hierarchie von Priestern vom "Azar" bis zum "Po Guru". Nach Möglichkeit stellt jede Familie einen Sohn für diese Aufgabe ab, zeichnet dann auch für dessen Lebensunterhalt verantwortlich und muss ihn etwa während des Ramadan, den nur die Priester in der Moschee verbringen, mit den nötigen Speisen versorgen. Dafür ist dieser dann auch für die täglichen Gebete verantwortlich, während die Laien nur 1 ml pro Woche in die Moschee gehen. Während des Ramadan werden übrigens auch die hinduistischen Priester zum Gebet in die Moschee eingeladen, und sie sollen kein Problem damit haben, “Po Auloah” als den “Ishvara” (wörtl.: der Höchste Herr) anzubeten.
Obwohl man also einige Gemeinsamkeiten mit dem orthodoxen Islam erkennen kann, war also unser "Schamane" der Vertreter einer sehr eigenen Glaubensrichtung. Die vietnamesischen Cham haben sich da schon was ganz besonderes ausgedacht.
PS: Wer will kann hier und hier etwas genauer über die Cham und ihren Bani-Islam nachlesen.























Hi, da warst du ja superfleißig beim Recherchieren. Nun tut es mir ja wirklich leid, dass ich nicht die Zeit hatte , selbst mit zu fahren. Aber mit dem Bericht und den Bildern bekommt man einen guten Überblick.
AntwortenLöschenApropos Bilder: sind die schwarzen Bilder beim Enfügen entstanden oder war da die Zensur am Werke ?
Gruß
Günter
Danke für den Hinweis, ebenso wie die anderen Proteste, dass die Bilder nicht zu sehen waren. Ich verstehe nicht wie, aber Google hatte zwischen seinen Produkten Blogspot und Picasa irgendwie diese Fotos ins digitale Nirwana geschickt. Sie waren einfach weg (nur in meinem Browser fiel das nicht auf, weil sie dort noch im Cache waren).
LöschenAber jetzt sollte alles OK sein.