Bis vor wenigen Monaten galt Vietnam als einer der "Tigerstaaten", Staaten in Asien, die mit beeindruckender Entwicklung der Wirtschaft und der Lebensbedingungen ihrer Völker unterwegs waren um den alten Westen das Fürchten zu lehren. War dies in Vietnam ein Strohfeuer, das vor allem durch niedrige Löhne und die Orientierung westlicher Produzenten an Kostenreduzierung und "shareholder value" genährt wurde?
Seit 2010 das jährliche Pro-Kopf Einkommen auf 1156 USD gestiegen, das Land den Kreis der Low-Income Entwicklungsländer hinter sich gelassen hatte, seit die alljährlichen Wachstumsraten kontinuierlich über 7% lagen, seit Internationale Investoren das Land entdeckt hatten und hier bis zu 72 Milliarden Dollar pro Jahr investierten (2008) galt das Land als Paradebeispiel für ein Wirtschaftswunder unter kommunistischer Führung.
Der Nimbus wankt.
2011 waren die internationalen Investitionen auf 14,7 Milliarden geschrumpft, riesige Staatskonzerne meldeten massive Liquiditätsprobleme oder Zahlungsunfähigkeit (z.B. der Schiffsbaukonzern Vinashin im Dezember 2010). Die Inflation betrug seit 2010 deutlich über 10%, für 2011 lag sie laut Index Mundi bei 18.6% , wurde allerdings im September 2012 wieder auf 6,84% herunter gebracht (Jahreswert 9,96%).
Unten ist allerdings auch das Wirtschaftswachstum, es wurde für das erste Halbjahr noch mit 4,38% notiert . Das wäre zwar in Europa noch immer ein Traum, aber für Vietnam hatte etwa PricewaterhouseCoopers im Jahre 2008 noch vorhergesagt, die Wachstumsraten würden auf real über 10% steigen, das Land werde in 2025 die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft weltweit werden und bis 2050 ein Volumen von 70% des Vereinigten Königreiches erreichen. Da ist das jetzt etwas enttäuschend.
Stattdessen lese ich in den Berichten des Gesundheitsministeriums, dass man sich wohl von der Vorstellung verabschieden muss, alle "Millenium Development Goals" zu erreichen. Im Bereich Gesundheit geht es nicht richtig weiter.
Stattdessen liest man Berichte von Festnahmen hochrangiger Wirtschaftsbosse wie Nguyen Du Kien, dem Gründer und CEO der Asia Commercial Joint Stock Bank oder der Führungsfiguren der Vinashin, die dem Vernehmen nach dort für Verluste von 4,5 Milliarden Dollar verantwortlich sein sollen. Es gab Berichte von Protesten gegen ungerechtfertigte Landnahmen und Massenentlassungen durch vietnamesische Wirtschaftsunternehmen. Auch die Meldung, die vor einigen Tagen die Runde machte, passte ins Bild: Der Chef der Partei in Hanoi hatte seine Mitglieder per Dekret aufgefordert, bei der Veranstaltung von Hochzeiten mehr Augenmaß walten zu lassen. Es sei nicht akzptabel, wenn Parteimitglieder dazu ganze Fünf-Sterne-Hotels oder Ressorts anmieteten. Die neue Richtschnur: Es sollen pro Familie (also von Seiten des Bräutigams und von Seiten der Braut) jeweils nicht mehr als 300, insgesamt also 600, Gäste eingeladen werden.
Anmerkung dazu: In Vietnam ist die Partei keine Massenpartei sondern einer Elite vorbehalten. Bei einer Gesamtbevölkerung von 86 Millionen gibt es nur 3,8 Millionen Parteimitglieder.
Aber natürlich passiert in diesem Land nichts ohne eine Beteiligung der Politik. Die allmächtige Kommunistische Partei hat alle Fäden fest in der Hand. Es konnte also nicht ausbleiben, dass die stockende Entwicklung, verbunden mit steigender Unzufriedenheit in der Bevölkerung, sich in die verschwiegenen Zirkel der Partei auswirkten. Schon vor Monaten erzählte unser gut vernetzter Vermieter, in der Partei fänden heftige Kämpfe auf den obersten Ebenen statt. Internet-Blogs, die offensichtlich von Insidern gefüttert wurden, berichteten von intensiven Verflechtungen zwischen Premier Ngyuen Tan Dung und den verhafteten Wirtschaftsführern (zu denen er als ehemaliger Banker natürlich engste Kontakte hatte). Sie ließen ahnen, welche Kämpfe da hinter den Kulissen geführt wurden und manche internationalen Fachleute wagten schon die Prophezeiung, Dung könnte abgesetzt werden.
So schlimm ist es nicht gekommen. Nach 14-tägigen Sitzungen von Zentralkomitee (175 Mitglieder) und Politbüro (14) trat Parteichef Nguyen Phu Trong vor die Presse und erklärte: Die Mitglieder des Politbüros haben die verschiedenen Fehler, die auch von einzelnen Personen gemacht wurden, ehrlich zugegeben und bedauert. Sie haben sich selbst kritisiert und es wurde darauf verzichtet, gegen alle oder einzelne Personen Disziplinarmaßnahmen zu ergreifen. "Wir haben uns selbst vergeben" wurde die Überschrift dazu formuliert. Wobei es wohl kaum der mitmenschliche Wunsch nach Vergebung war, der hier die Nachsicht förderte. Auch der Gedanke, dass in einem derart vernetzten System Korruption kaum noch an einzelnen Personen festgemacht werden kann, dürfte nicht ausschlaggebend gewesen sein. Eher wahrscheinlich: Das gesamte politische Establishment, die gesamte politische Kultur, ist extrem interessiert an Ruhe und Kontinuität. Hierarchien dürfen nicht in Frage gestellt werden, dass ist allgemeines Kulturgut und vor Unruhe in jeder Form hat man Angst.
Gerade in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Entwicklung auf der Kippe steht, in der das Land auf massive Investitionsgelder von außen angewiesen ist schon um den maroden Bankensektor wieder auf die Füße zu bekommen (man spricht auch in Vietnam von der Notwendigkeit einer "Bad Bank" in der die Unmengen von notleidenden Krediten gebündelt werden sollen, bis zu 20% aller ausgegebenen Kredite sollen das sein), in dieser Zeit muss man das Vertrauen des Auslands nicht durch politische Erdbeben weiter erschüttern.
Interessant ob die Rechnung aufgeht. Das Vertrauen der Investoren ist ja mindestens ebenso erschüttert durch die Erkenntnis, dass große Teile der investierten Summen in privaten Taschen landen, dass Investitionsentscheidungen auch weiterhin vollständig intransparent getroffen werden, dass es keine wirklich zuverlässigen Rechtsgrundlagen für Investitionen und keine Rechtssicherheit für Investoren gibt.
Dass man sich jetzt entschieden hat, das Problem wieder vietnamesisch zu lösen indem man einige Bosse an den Pranger stellt, im übrigen aber sich gegenseitig vergibt, kann eigentlich nicht als vertrauensbildende Maßnahme eingestuft werden.
Der begnadigte Premier ist wohl sozusagen auf Bewährung. Nun wird er zeigen müssen, ob er wirkliche Reformen durchsetzen kann.
Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi
Panorama Mai Chau
Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.
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Interessant, aber nich gerade "user-friendly". Muss denn die Schrift so klein sein und weiss-auf-schwarz?
AntwortenLöschenSchade, dass Dir mein neues Layout nicht gefällt. Aber die Schrift kannst Du im Browser vergrößern (Ctrl ++).
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