Wenn
der franko-kolinialen Gesellschaft in Hanoi zu warm wurde, gab es
Zufluchtsorte. Die Hügel von Ba Vi, die Bergstation Tam Dao und,
weiter entfernt, den Höhenresort Sapa. Auf den Hügeln von Ba Vi
künden nur noch Ruinen von dieser Vergangenheit, am letzten
Wochenende wollten wir nun mal schauen, wie es um Tam Dao steht.
Viele Expats in Hanoi berichten, dass die etwa 70km dorthin, in
Richtung Nordwest, gut investiert sind weil es schön dort sei - und
kühl. Wir sind weder franko noch kolonial, aber warm war es uns im
sommerlichen Hanoi auch, so wurde ein Ausflug nach Tam Dao geplant.
Um
es vorweg zu nehmen: Beides ist nicht ganz verkehrt. Aber zumindest
hinsichtlich Schönheit haben sich die Vietnamesen heftig bemüht,
den Eindruck nicht zu stark werden zu lassen.
Tam
Dao ist ein kleiner Ort, malerisch in einem Gebirgstal oberhalb von
Phuc Yen gelegen. Seit etwa 1907 hatten die französischen
Kollonialherren dort, ober halb 900 meter, begonnen einen Luftkurort
anzulegen.Die Fahrt dorthin ist heute per Motor-Scooter in gut 2
Stunden zu machen. Wir sind über Nacht geblieben, um die Fahrerei
auf 2 Tage zu verteilen und mehr Zeit dort zu haben.
Zu
Zeiten der Franzosen war es dort sicher wunderschön, wie dieses
Luftbild (?), etwa aus 1931, zeigt. Es gab teilweise herrschaftliche
Villen, es wurde Tee und Wein angebaut, ein gepflegter Kurort wo es
sich sicher sehr gut erholen liess.
Wenn
man genau hin schaut, kann man die kleine Kirche erkennen, die in
romanisch-mediterranem Stil der Pflege des katholischen Glaubens
diente. Diese
Kirche ist wohl fast das einzige Gebäude, das aus der Zeit überlebt
hat.
Die Kollonialherren sollen, als sie ihr Paradies verlassen
mussten, alle Villen und Hotels verbrannt haben (Verbrannte Erde?),
in der Tat sieht man teilweise noch immer bizarre Ruinen in der
Gegend stehen, aber die Kirche wurde nicht komplett zerstört. Sie
wurde über die Jahrzehnte von der Gewerkschaft genutzt, Ende der
90er aber der Kirche zurück gegeben (zusammen mit „nur 20% des
früheren Besitzes“, wie auf einer Tafel bei der Kirche berichtet
wird). In den letzten Jahren wurde sie mit dem von gemauerten Bögen
umsäumten Vorplatz von Grund auf renoviert und liefert den
willkommenen Hintergrund für tausende Posierfotos der
vietnamesischen Besucher.
Wir
hörten am Abend die Glocken läuten und liefen von unserem Hotel die
100 Meter durch dichten Nebel.
| Die meisten unserer Fotos macht Elena. Hier ist ihr ein besonders starkes Bild gelungen. |
Die Kirche war tatsächlich geöffnet.
Zwei vietnamesische Damen warteten auf Verstärkung, um mit der
Vesper zu beginnen. Mit Eintreffen einer Dritten war offensichtlich
das Quorum erreicht, ein eintöniger Gesang wurde angestimmt. Wir
taten uns schwer, grundlegende Unterschiede zu den landesüblichen
buddhistischen Tempelgesängen zu erkennen – wir konnten ja
die Worte nicht verstehen.
Klar
war aber die Symbolik der beiden Statuen, Maria (auf der Schlange
stehend, Buddismus?) links und Josef (in vietnamesischen
Gummischlappen) rechts im Seitenschiff. Faszinierend fanden wir die
Darstellung, dass nicht die Maria das Jesus-Kind auf dem Arm hat
sondern, wie es sich für einen guten vietnamesischen Vater gehört,
der Josef. Solche Ehre wird ihm in anderen katholischen Kirchen wohl
selten zu Teil.
Ja
und sonst? Tam Dao hat deutlich seine Exklusivität verloren.
Vietnamesischer Massentourismus bestimmt den Ort, vietnamesische
Massenherbergen bestimmen das Hotelangebot. Man wünscht sich, dass
eine Planungsbehörde manchen von diesen Grauslichkeiten verhindert
hätte. Aber was schön ist, das ist bekanntlich Ansichtssache.
Das gilt nicht für die Natur. Die frische und relativ kühle Luft, die hinter
Nebelvorhängen auftauchenden und verschwindenden Hügel bieten Erholung für Auge und Lunge. Die Berge (bis 1500 m) sind
von dichtem Urwald überzogen, der durch keine Wanderwege
beeinträchtigt wird. Wunderschöne Ausblicke findet man von
Plattformen, auf denen wohl vor Jahrzehnten die edlen Villen standen. (Siehe im Vordergrund rechts auf dem antiken Bild!)
So
war der Ausflug auf jeden Fall lohnend. Man sollte ihn gelegentlich
wiederholen.
Vielleicht finden wir dann sogar ein Hotel, wo das Frühstück seinem Namen in gewisser Weise entspricht.
Vielleicht finden wir dann sogar ein Hotel, wo das Frühstück seinem Namen in gewisser Weise entspricht.




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