Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Montag, 9. Juli 2012

Tam Dao – Französische Kolonialvergangenheit im Nebel


Wenn der franko-kolinialen Gesellschaft in Hanoi zu warm wurde, gab es Zufluchtsorte. Die Hügel von Ba Vi, die Bergstation Tam Dao und, weiter entfernt, den Höhenresort Sapa. Auf den Hügeln von Ba Vi künden nur noch Ruinen von dieser Vergangenheit, am letzten Wochenende wollten wir nun mal schauen, wie es um Tam Dao steht. Viele Expats in Hanoi berichten, dass die etwa 70km dorthin, in Richtung Nordwest, gut investiert sind weil es schön dort sei - und kühl. Wir sind weder franko noch kolonial, aber warm war es uns im sommerlichen Hanoi auch, so wurde ein Ausflug nach Tam Dao geplant.
Um es vorweg zu nehmen: Beides ist nicht ganz verkehrt. Aber zumindest hinsichtlich Schönheit haben sich die Vietnamesen heftig bemüht, den Eindruck nicht zu stark werden zu lassen.
Tam Dao ist ein kleiner Ort, malerisch in einem Gebirgstal oberhalb von Phuc Yen gelegen. Seit etwa 1907 hatten die französischen Kollonialherren dort, ober halb 900 meter, begonnen einen Luftkurort anzulegen.Die Fahrt dorthin ist heute per Motor-Scooter in gut 2 Stunden zu machen. Wir sind über Nacht geblieben, um die Fahrerei auf 2 Tage zu verteilen und mehr Zeit dort zu haben.
Zu Zeiten der Franzosen war es dort sicher wunderschön, wie dieses Luftbild (?), etwa aus 1931, zeigt. Es gab teilweise herrschaftliche Villen, es wurde Tee und Wein angebaut, ein gepflegter Kurort wo es sich sicher sehr gut erholen liess.
Wenn man genau hin schaut, kann man die kleine Kirche erkennen, die in romanisch-mediterranem Stil der Pflege des katholischen Glaubens diente. Diese Kirche ist wohl fast das einzige Gebäude, das aus der Zeit überlebt hat. 
 Die Kollonialherren sollen, als sie ihr Paradies verlassen mussten, alle Villen und Hotels verbrannt haben (Verbrannte Erde?), in der Tat sieht man teilweise noch immer bizarre Ruinen in der Gegend stehen, aber die Kirche wurde nicht komplett zerstört. Sie wurde über die Jahrzehnte von der Gewerkschaft genutzt, Ende der 90er aber der Kirche zurück gegeben (zusammen mit „nur 20% des früheren Besitzes“, wie auf einer Tafel bei der Kirche berichtet wird). In den letzten Jahren wurde sie mit dem von gemauerten Bögen umsäumten Vorplatz von Grund auf renoviert und liefert den willkommenen Hintergrund für tausende Posierfotos der vietnamesischen Besucher.
Wir hörten am Abend die Glocken läuten und liefen von unserem Hotel die 100 Meter durch dichten Nebel. 
Die meisten unserer Fotos macht Elena. Hier ist ihr ein besonders starkes Bild gelungen.
Die Kirche war tatsächlich geöffnet. Zwei vietnamesische Damen warteten auf Verstärkung, um mit der Vesper zu beginnen. Mit Eintreffen einer Dritten war offensichtlich das Quorum erreicht, ein eintöniger Gesang wurde angestimmt. Wir taten uns schwer, grundlegende Unterschiede zu den landesüblichen buddhistischen Tempelgesängen zu erkennen – wir konnten ja die Worte nicht verstehen.
Klar war aber die Symbolik der beiden Statuen, Maria (auf der Schlange stehend, Buddismus?) links und Josef (in vietnamesischen Gummischlappen) rechts im Seitenschiff. Faszinierend fanden wir die Darstellung, dass nicht die Maria das Jesus-Kind auf dem Arm hat sondern, wie es sich für einen guten vietnamesischen Vater gehört, der Josef. Solche Ehre wird ihm in anderen katholischen Kirchen wohl selten zu Teil.
Ja und sonst? Tam Dao hat deutlich seine Exklusivität verloren. Vietnamesischer Massentourismus bestimmt den Ort, vietnamesische Massenherbergen bestimmen das Hotelangebot. Man wünscht sich, dass eine Planungsbehörde manchen von diesen Grauslichkeiten verhindert hätte. Aber was schön ist, das ist bekanntlich Ansichtssache.
Das gilt nicht für die Natur. Die frische und relativ kühle Luft, die hinter Nebelvorhängen auftauchenden und verschwindenden Hügel bieten Erholung für Auge und Lunge. Die Berge (bis 1500 m) sind von dichtem Urwald überzogen, der durch keine Wanderwege beeinträchtigt wird. Wunderschöne Ausblicke findet man von Plattformen, auf denen wohl vor Jahrzehnten die edlen Villen standen. (Siehe im Vordergrund rechts auf dem antiken Bild!)
So war der Ausflug auf jeden Fall lohnend. Man sollte ihn gelegentlich wiederholen. 
Vielleicht finden wir dann sogar ein Hotel, wo das Frühstück seinem Namen in gewisser Weise entspricht.

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