Was macht ihr über Tet? Schon Wochen vorher ist das die ständige Frage aller Expats, wenn sie sich beim Stammtisch, beim Empfang, beim Chor oder sonst wo treffen. Es ginge einfach nicht, dass man an diesen Feiertagen in der Stadt bleibt, weil angeblich alle Läden geschlossen sind, die meisten Restaurants auch, weil das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen käme. Und so wird ausgeschwärmt: Laos, Kambodia, Malaysia – egal: Hauptsache weg aus der Hauptstadt, die angeblich nicht im Feiertagstaumel sondern in einer Art Tet-Lähmung versinkt. Weil Tet eben in erster Linie mit der Familie, zu Hause, gefeiert wird.
Nun, auch wir hatten keine Vietnamesen, die uns zu Tet eingeladen hätten, oder die wir hätten einladen können, und so flüchteten auch wir. Ein deutscher Kollege, der für den DED in dem dortigen Krankenhaus arbeitet, hatte uns von Tuy Hoa vorgeschwärmt: Schöne Küste und ein neu eröffneter Resort mit lockenden Sonderangeboten. Nachdem wir uns rückversichert hatten, dass dort trotz Tet alles in Betrieb sei, wurde der Flug gebucht, und bald waren wir im Anflug auf den kleinen Flugplatz. Die Amerikaner hatten ihn wohl als Militärlandebahn angelegt, viel ist nicht dazu gekommen; die kleine Abfertigungsbaracke mit dem kürzesten Koffertransportband das ich je gesehen habe ist aber vielleicht doch etwas jünger.
Als uns der Fahrer des Vietstar Resort durch Tuy Hoa fährt, wird deutlich, dass hier nicht die Apfelsinen-Tetbäumchen üblich sind, sondern bis zu mannshohe gelbe Chrysanthemen in Töpfen. Ein riesiger Blumenmarkt ist ein einziges gelbes Blütenmeer.
Der (oder das?) Resort (nochmals: Hier nennen sich alle Hotels "Resort", wenn sie die Gästezimmer über mehrere Gebäude in einem größeren Gelände verteilt haben) zeigt sich als wirklich große Anlage, mit eigenem kleinem Zoo. Aber das Meer ist nur als wunderschöne Aussicht verfügbar, zum Privatstrand sind es etwa 20 Autominuten – und der Transport kann jederzeit abgerufen werden und ist kostenlos. Dafür ist die Anlage wirklich wunderschön, das Pool-Landschaft mit eigenem Wasserfall riesig, und die Gästehäuschen sehr angenehm und gepflegt.
Man will wohl eigentlich Fünf-Sterne-Niveau, aber da fehlt es noch etwas, vor allem bei der Ausbildung des Personals. Der General Manager, der dem abhelfen sollte, war Valerij, ein russischer Landsmann, mit dem Elena sich mal wieder gut unterhalten konnte und der uns bereitwillig russische DVDs auslieh. So waren wir zufrieden und genossen einen richtigen Faulenzerurlaub.
Erst mit Schmunzeln, dann aber doch fast schon genervt, haben wir dabei zur Kenntnis genommen, dass das Gelände für die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden eine ziemliche Attraktion war, und wegen Tet hatte sich das Management auch entschieden, die Besucherwelle zuzulassen, die sich von Morgens bis Abends durch die Anlagen wälzte. Wenn wir als einzige Europäer in der Anlage zum Schwimmen im Pool kamen, dann führte dies zu erheblichen Stockungen im Besucherstrom: Alles stand am Zaun und schaute diesen Luxusgeschöpfen beim Luxus genießen zu, die Handy Kameras und Videos liefen heiß und wir kamen uns vor wie die Exponate im Zoo. Beim Weg zum Restaurant wurde man vielstimmig mit „Hello“ und „Where you from?“ begrüßt, und immer wieder streiften kleine Kinder wie zufällig an einem vorbei um einen an der Hand oder am Beim zu berühren – es soll Glück bringen, wenn man eine Langnase berührt und, nun, wir haben nicht wenigen Vietnamesenkindern für das Jahr des Tigers Glück gebracht.
Da das Meer zunehmend sturmgepeitscht war, kam der eigentlich geplante Bootsausflug zu der einladend herüber winkenden Insel nicht zu Stande, und auch das Baden wurde zurück gestellt. Wir mieteten uns wieder einen Roller und machten die Gegend unsicher. In Tuy Hoa besuchten wir den Kollegen, der heftig im Tet-Feiern war, besichtigten das riesige Cham-Grabmal über der Stadt.
Und ein weiteres dort stehendes modernes Denkmal, dessen Sinn uns verborgen blieb. Vielleicht Erinnerung an die Heldentaten während des Krieges gegen die Amerikaner, als die lange Brücke bei Tuy Hoa immer wieder zerbombt und immer wieder hergerichtet wurde?
Die Cham, an deren Königreich in der Gegend viele solche Grabmale erinnern, sind heute eine der über 100 ethnischen Minderheiten, aus denen sich das vietnamesische Staatsvolk zusammensetzt. Zitat aus dem "Vietnamberater": Die Cham waren vor allem im Zentrum Vietnams sowie in Kambodscha angesiedelt. Sie errichteten ihr Königreich mit dem Namen Champa, welches zwischen dem 2. und 15. Jh. bestand. Ihre Blütezeit bestand zwischen dem 6. und 10. Jh. als sie den gesamten Gewürzhandel Südostasiens kontrollierten. Sie verfügten zudem über weitreichende Handelsbeziehungen, so nach Indien, Arabien, China und Japan und besaßen darüber hinaus eine beträchtliche Seeflotte. Aufgrund ihres nicht zu unterschätzenden Einflusses stellten sie eine Gefahr für umliegende Völker dar. Von daher standen sie in häufigen Konflikt mit dem Volk der Khmer, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Chams standen. So wuchs ihnen die Bedrohung durch die Khmer im 10./11. Jh. über den Kopf und sie mussten sich für eine zeitlang geschlagen geben. Nach einer Phase der erfolgreichen Wiedergewinnung von Unabhängigkeit folgten erneute Auseinandersetzungen sowohl mit den Khmer als auch einen neu hinzugekommenen Gegner, den Annamiten (Annam ist der alte chinesische Name für Vietnam). Diese besiegten die Cham endgültig im 15. Jh. und Champa wurde dem vietnamesischen Reich einverleibt. Religiös waren die Cham überweigend dem Hinduismus zugewandt.
Wir hatten aber eher die Anfänge der katholischen Mission als unser nächstes Ausflugsziel: Die sog. Mang Lang Kathedrale. Hier besteht seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ein katholische Gemeinde, die auf eine Gründung durch Alexandre de Rhodes zurück gehen soll. De Rhodes war Jesuit und Missionar, ab 1620 mit Unterbrechungen 16 Jahre in Vietnam. Eine Landkarte von seiner Hand ist überliefert.
De Rhodes gründete hier eine Katechetenschule, eine ordensartige Bruderschaft und verfasste u.a. den Katechismus auf Vietnamesisch und entwickelte zu diesem Zweck die bis heute übliche Schriftform der Vietnamesischen Sprache mit lateinischen Buchstaben und den sog. Diakritischen Zeichen, mittels deren die unterschiedlichen Laute dargestellt werden sollen. Von ihm ist Zitat "Daily conversation in Vietnam resembles the singing of birds" und genau diesen Gesang hat er versucht, mit seiner Schrift abzubilden. (Wir heutigen Sprachschüler können diese poetischen Beschreibung nicht immer nachfühlen.). Weiter wird des ersten Vietnamesischen Märtyrers gedacht, Andreas Phu Yen. Dieser war einer der Schüler de Rhodes und wurde 1644, noch nicht 20Jahre alt, vom damaligen Mandarin der Provinz, Ong Nghe Bo, hingerichtet, ohne dass de Rhodes dies verhindern konnte (er wurde erst auch zum Tode verurteilt, dann des Landes verwiesen.) Dieser Geschichte des Katholizismus in Vietnam wird in Mang Lang besonders gedacht. Die Kathedrale und das Denkmal des Andreas (seit 2000 selig gesprochen) sind zum Walfahrerziel geworden.
Unweit Mang Lang gab es dann noch ein Naturwunder zu besichtigen: Die Ganh Da Dia Basaltfelsen:
Durch die extremen Temperaturunterschiede beim Strom der damaligen Lava ins Meer ist der Basalt in fast kristallische Formen geformt, mehreckige schwarze Säulen stehen so, nebeneinander aufgereiht, und bilden eine merkwürdige Felsnase, die ins Meer ragt.
Bei unseren Fahrten mit dem Roller war Elena wieder mit dem Fotoapparat aktiv. Einige Ergebnisse sind bei Picasa zu besichtigen.
Immer wieder erstaunlich ist es, wo Vietnamesen alles mit dem Roller hinfahren können:
Eine wichtige Aktivität zu Tet ist es offensichtlich auch, in einem oder mehreren Tempeln durch entsprechende Geldopfer ein glückliches Jahr zu beschwören. Auch wir haben so den einen oder anderen Tempel besichtigt. Im nächsten Dorf war einer, bei dem dieses Ensemble einen begrüßte:
Wir waren eigentlich verwundert, dass auch hier auf dem "Land" nichts von der immer wieder berichteten Armut zu sehen war. Die Häuser normal bis schick, die Menschen durchaus festlich gekleidet oder bei der Feldarbeit aktiv, ein Billard Club mitten in der Pampa – alles macht einen geordneten Eindruck. Und in der örtlichen Klinik eines kleinen Dorfes wird Reklame gemacht für Katarakt-Operationen, auch kein Zeichen einer darniederliegenden medizinischen Versorgung (selbst wenn ich meinen Katarakt doch lieber wo anders operieren lassen werde.)
Nach einer Woche ging es dann zurück nach Hanoi, unser Kater Baotsi erwartete uns sehnsüchtig. Eine Assistentin aus der Hochschule hatte es übernommen, ihn zu füttern.













Lieber JoWi,
AntwortenLöschenwieder einmal ein Neugier- und Sehnsuchtswecker voll beneidenswerter Exotik.
Ich kann mich in dieser Auffassung irren, aber es sieht doch so aus, als sei der asiatische Buddhismus ein hervorragender Boden für das Aufblühen des Lebens und Wachsen der Wirtschaft. Ich bewundere fast dieses Volk, das nach ungeheurem Leid keine Ressentiments gegen die "Weißen" oder den Westen kultiviert.
Euch beiden wünsche ich ein gesegnetes Jahr des Tigers!
Michael
Hallo Michael: In der Tat, mit der Kriegsvergangenheit wird erstaunlich locker umgegangen und sogar amerikanische Kriegsveteranen werden auf das freundlichste begrüsst. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der weit überwiegende Teil der Bevölkerung zu jung ist, um mit dem Krieg eigene Erinnerungen zu verbinden. Und historisch gesehen, waren die Kriege gegen Franzosen und Amerikaner nur kurze Episoden in dem tausendjährigen und meist kriegerischen Streben nach Unabhängigkeit und nationaler Identität. (Man sagt sogar, dass die Gründung des kommunistischen Staats weniger aus Überzeugung erfolgte, sondern mehr als das vielversprechendste Mittel zur Verfolgung dieser nationalen Ziele gesehen wurde.)
AntwortenLöschenJowi