Eigentlich war es schon länger klar: Mein eines noch funktionierendes Auge war dabei, den sog. Grauen Star zu entwickeln. Das kann lange dauern oder schneller gehen, hatte die Augenärztin in Deutschland gemeint. In den letzten Monaten war es schneller gegangen, und die Blendeffekte wurden sogar am Tage zur Behinderung. Also OP!
Mein Augenprofessor aus Münchener Zeiten meinte dazu per Email, es würde sich nicht lohnen, nach Deutschland zu fliegen: „Im Singapore National Eye Center (SNEC)“ haben sie mehr Erfahrung als wir hier in Deutschland, und die Ergebnisse werden als erstklassig berichtet.“
So wurde denn der Termin fixiert, Flug und Hotel für eine Woche gebucht, und am Sonntag, 28.3. stiegen wir in Singapur aus dem Flugzeug. Nur mäßige Schwierigkeiten mit dem guten U-Bahn-System, eine 20 Minuten Wanderung von der U-Bahn zum Hotel, schon waren wir „angekommen“. Vom 17. Stock aus bot sich ein wunderbarer Blick auf den Fluss unten und die umstehenden Hotel-Wolkenkratzer, die meisten noch deutlich höher als wir.
In der auch am Abend über 30 Grad warmen, schwülen Luft machten wir uns auf den ersten Spaziergang. Ein guter und billiger Chinese sorgte für Stärkung, das Stadtbild, mit gepflegten Flussufern und Promenaden und immer weiteren modernen Hochhäusern beeindruckte. Eingestreute Häuser im Kolonialstil erinnerten an die britische Vergangenheit. Nach einem Umweg am riesigen Kricketfeld entlang mitten im Stadtzentrum fanden wir das berühmte Wahrzeichen, den „Merlion“, die Wasser speiende Statue eines Fabeltieres, das oben Löwe (Singa heißt wohl Löwe) und unten Meerjungfrau oder Hummer ist (das Meer symbolisierend.) Er steht auf einer kleinen Terrasse in der früheren Hafenbucht, überragt von weiteren Wolkenkratzern, gegenüber das Lichter übersäte Gebäude der Oper, in der Form einer Durianfrucht nachempfunden.
Den Montag verbrachten wir größtenteils im SNEC, ein umfassender Katalog an Untersuchungen war vorbereitet und wurde abgearbeitet (nachdem erst ich mal die Rechnung bezahlt hatte). Ich war mit an diesem Tag etwa 300 Patienten in der „Clinic F“, woraus man entnehmen kann, dass es noch die Kliniken A-E gab, mit ebenso vollen Wartesälen. Nach dem Aussehen waren es nur wenige Ausländer, die ihre Behandlung sofort bar bezahlten, sonst schienen es Einheimische zu sein, die umsonst behandelt werden. Das ganze SNEC ist ein Komplex mit etwa 8 Stockwerken, davon in einem der OP-Trakt mit sicherlich 10 Op-Sälen.
Alle nur denkbaren modernen Diagnostikgeräte stehen zur Verfügung und werden kompetent und freundlich, sachlich und zielorientiert, bedient. Man hat einfach jederzeit das Gefühl, dass jeder genau weiß, was zu tun ist, alles ist ordentlich durchgeplant.
Meine Professorin, Frau Chee, in undefinierbarem Alter, wusste dies noch genauer, und war besonders gewissenhaft. So stellte sie erst mal die OP-Planung in Frage, weil sie an meiner Netzhaut einen Befund sah, der ihr nicht gefiel. Erst als wir in einer Eilaktion aus Deutschland meinen letzten Arztbrief herbei geholt hatten, und auch ihr Kollege und Netzhautspezialist alles für harmlos erklärt hatte, gab sie doch noch grünes Licht – telefonisch am Abend nach 21.00 Uhr, so lange hatten wir noch mit der Dame von der internationalen Patientenverwaltung gewirbelt, Emails und SMS ausgetauscht! Wir gingen erleichtert zum Essen in die Stadt – diesmal fanden wir keinen billigen Chinesen.
Am Dienstag dann hieß es um 9.00 nüchtern wieder auflaufen, registrieren, die OP-Rechnung bezahlen (etwa die Hälfte einer deutschen OP), dann ging die Vorbereitung los. Nochmals allgemeine Untersuchungen, Beginn einer vorbeugenden Antibiose, gegen 14.00 war dann OP angesetzt. Im Flügelhemd wurde ich eingeschleust, insgesamt 10 mal nach Name, Adresse, Geburtstag und dem zu operierenden Auge gefragt (es soll wohl ganz sicher sein, dass nicht das falsche Auge operiert oder die falsche Linse eingesetzt wird).
Apropòs Linse: Ich habe mich für eine einfache monofokale mit leichtem Blaufilter entschieden, die meine Netzhaut etwas vor Strahlung schützt.
Die eigentliche OP habe ich dann ziemlich verschlafen. Ich sollte zwar nur lokal betäubt und sonst sediert sein, aber ich bin einfach eingenickt und im Ruheraum wieder aufgewacht. Auf dem Auge fand ich nur eine durchsichtige Schutzklappe aus Plastik, so konnte ich gleich feststellen: Ich sehe wieder normal! (Danach ist es nur noch besser geworden.) Nach ausführlicher Anleitung zum Auge waschen und mit 3 verschiedenen Tropfen regelmäßig behandeln wurden wir entlassen. Zu Fuß gingen wir zum Hotel zurück, waren abends dann auch dort Essen. Für Mittwoch und Samstag waren noch zwei kurze Kontrolltermine fällig, damit war der medizinische Teil der Reise erledigt. Was waren wir zufrieden, dass alles so gut gelaufen war!
So konnten wir die restlichen Tage nutzen, um uns weiter die Stadt anzusehen. Und wir waren weiter beeindruckt: Alles scheint neu, gepflegt, modern (etwa Potsdamer Platz, Berlin, mal 10), die Menschen freundlich, gelassen, höflich (Autos bleiben tatsächlich am Zebrastreifen stehen, wenn man sich nur nähert! Das kannten wir aus Hanoi gar nicht mehr.) Auch das Straßenbild, mit allen teuren Autos die es gibt, aber kaum Motorrädern, war uns richtig fremd. Einfach eine reiche Stadt.
Aber es gibt schon noch einige historische Viertel, mit den alten Handelshäusern bzw. umgebauten Lagerhäusern.
Die Chinatown hatten wir vom Hotel aus praktisch vor der Haustür, nach Little India fuhren wir mit dem Bus. In beiden Stadtteilen kann man gut und preiswert essen, in beiden wetteifern Unmengen von kleinen Läden um die touristischen Kunden, in beiden hat man aber auch deutlich das Gefühl, dass die jeweilige Urbevölkerung doch ziemlich unter sich geblieben ist, sich auch ihr Leben nach ihrer eigenen Tradition gestaltet. In Little India sahen wir so eine beim Freitagsgebet restlos überfüllte Moschee, an der aber ungerührt das andersgläubige Leben vorbei rauschte. Dass eigentlich auch Karfreitag war, war überhaupt nicht zu merken.
Die wichtigste Beschäftigung aller Touristen in Singapur ist sicher Shopping (man sagt, es sei dort erfunden worden) und so konnten auch wir uns nicht ausnehmen. Schließlich gab es Klamotten und Schuhe in normalen europäischen Größen, was wir in Hanoi bisher vergeblich gesucht hatten! Und die Preise waren auch hier meist etwa auf 50% von Deutschland.
Als wir am Samstag am Flughafen tatsächlich noch fast die gesamte Umsatzsteuer auf unsere Einkäufe zurück erobert hatten, waren wir mit den Preisen noch etwas zufriedener. Und wir zogen auf dem Heimflug etwa das Fazit: Die medizinische Versorgung, mit ihrer Gewissenhaftigkeit und Perfektion war sicher das Beeindruckendste (in Deutschland müssen die Kliniken da noch ziemlich nachbessern um dieses Niveau zu erreichen).
Die Stadt fasziniert auch, in ihrer modernen Urbanität, die manchmal schon etwas unwirklich ist. Die wenigen älteren Teile und auch die grünen, breiten Avenuen etwas außerhalb sind schön und so bildet sich insgesamt der Eindruck einer ganz besonderen, interessanten Stadt. Man muss mal da gewesen sein!
Weitere Fotos aus Singapur wie immer bei Picasa, hier. 








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