Leben und Arbeiten in und um Hanoi - Life and Work in and around Hanoi

Panorama Mai Chau


Seit Sommer 2009 arbeite ich, vermittelt durch GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), als Lecturer an der Hanoi School of Public Health.
Dieser Blog berichtet von unserem Leben in Hanoi, Vietnam und Umgebung.
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Since the Summer of 2009, mediated by GIZ/CIM (Centrum für Internationale Migration und Entwicklung in Frankfurt), I work as a lecturer with the Hanoi School of Public Health.
This Blog reports on our life in Hanoi, Vietnam and surroundings.

Samstag, 19. Mai 2012

"The Poll Diaries" in Hanoi


Nun hat es uns also erwischt: Dieses vielgerühmte Filmkunstwerk “Poll” meines Cousins Chris Kraus wurde im Rahmen des Europäischen Filmfestivals als deutscher Beitrag in Hanoi gezeigt. Das Goethe-Institut sah sich veranlasst, dafür Werbung zu machen. O-Ton: “ Dieses nachdenkliche Geschichtsdrama ...Tief bewegendes Drama und mitreißende Geschichtsstunde zugleich – Poll zählt zu einer weiteren großartigen Leistung des Regisseurs Chris Kraus.”
Ich hatte mich ja im vorigen Jahr schon ausführlich mit dem Film auseinandergesetzt, anhand der ganzen Literatur, die Chris dazu ins Internet gestellt hatte. Fast die gesamte Familie und die meisten Balten hatten nach dem Besuch des Films darüber geschimpft. Es war mir klar: Es kommt ein Gut Poll vor, aber dieses hat nichts mit dem wirklichen Poll zu tun. Es kommt eine Oda vor, ein Ebbo, ein Paul, ein Verwalter Mechmershausen, es wird ein angebliches Estland kurz vor Ausbruch des Weltkriegs 1914 geschildert, aber alles dies hat nicht das Geringste zu tun mit der Dichterin Oda Schäfer, mit Chris' Urgrossvater Ebbo Kraus, mit meinem Onkel Paul von Krause der damals wirklich auf dem wirklichen Poll aufwuchs, mit dem wirklichen Poll-Verwalter Mechmershausen, der meiner Groß-Tante half das riesige Gut zu bewirtschaften. Auch mit dem wirklichen Estland dieser Zeit hat das Bild, das Chris Kraus in seinem Film malt, nichts zu tun. (Trotzdem beginnt der Film mit der Behauptung "Nach einer wahren Geschichte".)
Alles dies wusste ich vorher, konnte also nicht enttäuscht werden. Ich war es trotzdem. Die Inbrunst, mit der in diesem Film eine Sammlung von mehr oder weniger Psychopathen, seelisch Gestörte oder sonst irgendwie Un-Normale durch eine Serie ziemlich abstruser Ereignisse geschickt werden, ist schon erstaunlich. Wird eine Geschichte erzählt? Kaum, die aneinander gereihten fast surrealen Szenen ergeben keine echte Geschichte, schon gar kein “Tief bewegendes Drama”. Bewegt hat uns da gar nichts. Wurde Geschichte erzählt? Wie schon gesagt, ebenso wenig. Eigentlich wurde die Geschichte eher beiseite gelassen, und die möglichen historischen Tatsachen wurden verdreht und verfälscht.
Der Film wurde gezeigt, weil er in Europa einige Preise gewonnen hat. Vielleicht auch wegen der unrichtigen Propaganda, die Kraus für den Film macht. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, diese hohe Filmkunst zu finden. Leider vergebens. Natürlich kann man in Vielem eine tiefgründige Symbolik entdecken: Das falsche Schloss im Meer, der hirnsezierenden Vater, der Tanz der beiden Hauptprotagonisten Oda und Schnapps in lächerlicher Verkleidung auf einem brüchigen und schwankenden Bretterboden. Aber diese Symbolik führt irgendwie ins Leere. Weiter gelingt es der Kameraführung bestens, mit langen Schwenks durch dunkle Räume, in denen fast nichts zu erkennen ist, eine finstere und bedrohliche Stimmung zu erzeugen. Aber wozu? Gefallen hat mir die Hausmusik mit Forellenquintett als Begleitmusik zu Odas Operation an Schnapps Schussverletzung. Aber preiswürdige Filmkunst?
Wir haben uns vor allem auch gefragt, was die Vietnamesen mit diesem Film als dem deutschen Beitrag anfangen konnten. Die redlichen Bemühungen der Schauspieler, baltisch zu sprechen. sind wohl weder im O-Ton noch in den vietnamesischen Untertiteln gut rüber gekommen. Einige vietnamesische Mädels neben uns sind aus dem Kichern fast nicht mehr raus gekommen. Das fand ich tröstlich. Sie haben offensichtlich kaum etwas gesehen, was man Ernst nehmen konnte und sind  weder im Glauben nach Hause gegangen, dass diese Deutschen doch alle ziemlich spinnen, noch mit dem vom Regisseur intendierten Geschichtsbild von den baltischen Baronen, nach dem diese derart brutal ihre Privilegien gelebt haben, dass sie zu Recht von der Revolution entmachtet wurden. Ob sich den Vietnamesen die Filmkunst erschlossen hat? Ich kann es nicht beurteilen. Einige sind mitten drin einfach nach Hause gegangen, was aber keine Aussage beinhalten muss, sie tun das auch sonst bei Konzerten oder sonstigen Darbietungen. und für diese Veranstaltung gab es ja auch noch die Tickets umsonst. Jedenfalls schien am Ende niemand besonders angerührt oder beeindruckt.
Wir auch nicht.

2 Kommentare:

  1. Dass Chris Kraus ein Cousin ist, dass es sich bei Poll also um Euer Poll handelt, dessen war ich mir nicht sicher, trotz Mechmershausen und Paul. Der Kritik stimme ich nicht zu, halte die Geschichte für nachdenklich, aber natürlich für Balten evtl. provozierend. Abstrahierend vom wirklichen Poll sind die Figuren eindrucksvoll charakterisiert: der krude Materialist, der jede Leiche gerne annimmt, um sezieren zu können, der gequälte Paul (Schwarze Pädagogik), die einsame Gutsherrin und der doppelbödige Verwalter, die mutige Oda und Schnaps, der schließlich sein Leben für sie opfert und der auf eine behutsame Weise dem jungen Mädchen respektvoll zum Erwachsen-Werden hilft... Es ist Schnaps, dem der Regisseur diejenigen Eigenschaften zuschreibt, die wir gewohnt sind, baltischen Gutsherren zuzuordnen. Das mag empörend wirken, ist aber wohl u.a.auch ein Versuch, sich mit baltischer Vergangeheit und eigener Familie auseinanderzusetzen. Dieser Versuch ist nachdenkenswert. Gerda

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  2. Es sind aus meiner Sicht fünf Ebenen, auf denen man sich mit diesem Film auseinandersetzen kann. Er behauptet, historisch zu sein, ist es aber nicht. Er behauptet, Oda Schäfer ein Denkmal zu erstellen, verfälscht aber ihre "Wahre Begebenheit" bis zur Unkenntlichkeit. Er möchte gerne zur Nachdenklichkeit anregen, aber worüber sollen wir eigentlich nachdenken? Seine Geschichte ist geprägt durch Figuren, die so überzeichnet sind, dass man gar nicht wirklich nachdenklich wird. Er meint, eine Liebesgeschichte zu inszenieren, aber es kommt eigentlich keine Liebe vor. Und der Film will künstlerisch sein, Filmkunst auf hohem Niveau präsentieren. Das mag ihm teilweise gelingen, ist Geschmackssache. Den Preis hat er dafür bekommen - ob zu Recht mag jeder für sich entscheiden.
    Völlig verfehlt aber fand ich es, gerade diesen Film einem vietnamesischen Publikum vorzuführen. Vietnamesen können m.E. beim besten Willen damit nichts anfangen, und es wird ein Bild präsentiert, das keinerlei Aspekte deutschen Lebens thematisiert.
    Deshalb habe ich das so empfunden, wie ich es geschrieben habe.

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